Erwin hilft!

Erwin hilft!

Oder: Kunstbetrachtung mit Genuss

Also, wir erinnern uns: wir sind im Museum (oder einer Ausstellung). Und wir waren ja schon durch die Räume geschlendert mit dem symbolischen Glas in der Hand auf der Suche nach Bekannten (und Unbekannten). Die Bekannten haben wir jetzt alle abgeklappert und alles small ist getalkt. 

Jetzt: Herausforderung. Das große Unbekannte. Wir nähern uns. Einem Kunstwerk. 

Jedes Kunstwerk birgt eine Vielfalt an Details und Nuancen, die es zu entdecken gilt. Mit jedem Blick, den wir tiefer in das Werk werfen, legen wir eine neue Ebene frei und gewinnen so ein umfassenderes Verständnis für das dargestellte Sujet. Diese genaue Betrachtung ermöglicht es uns, nicht nur das offensichtliche zu sehen, sondern auch subtile Botschaften und die Intention des Künstlers zu begreifen.

Hört sich kompliziert an? Abschreckend? Keine Lust mehr, weiterzumachen?

Halt, bitte nicht gehen!

Kunst ist geduldig. Wir sollten es auch sein. Mit ihr. Und mit uns!

Indem wir uns Zeit nehmen, jedes Detail zu beobachten und zu reflektieren, eröffnet sich uns ein reicherer Zugang zur Welt der Kunst. Es ist diese sorgfältige Beobachtungsgabe, die es uns erlaubt, über das bloße Ansehen hinauszugehen und vielleicht sogar in die Tiefe eines Kunstwerks einzutauchen. Und dabei ist eben egal, ob wir nun vor einem Gemälde stehen, die Linienführung von Architektur analysieren oder die Formen einer Skulptur erforschen, es ist immer ein Prozess des Enthüllens – Schicht für Schicht. Und nicht kompliziert. 

Erwin hilft!

Bitte wer? Erwin Panofsky!

INFOBOX:

Erwin Panofsky war ein Kunsthistoriker (what else?!). Manchmal wird er sogar als der bedeutendste Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Geboren am 30. März 1892 wurde er zu einem der einflussreichsten Theoretiker und Pioniere der Ikonologie, der Interpretation von Kunstwerken durch die Analyse ihrer symbolischen Bedeutung.

Panofsky studierte Kunstgeschichte in Berlin, München und Freiburg, bevor er 1935 in die USA emigrierte, wo er an der Princeton University lehrte. Seine Arbeit revolutionierte die Art und Weise, wie Kunst betrachtet und verstanden wurde. Er entwickelte eine Methode, die darauf abzielte, nicht nur die visuellen Aspekte eines Kunstwerks zu untersuchen, sondern auch seine historischen, sozialen und kulturellen Kontexte zu berücksichtigen.

Ein Meisterwerk seiner Arbeit ist sein dreibändiges Werk „Studies in Iconology“ (1939), das einen bedeutenden Einfluss auf die Kunstgeschichte hatte. Panofsky war bekannt für seine Fähigkeit, komplexe Kunstwerke zu entschlüsseln und ihre symbolischen Gehalte zu interpretieren. Seine Ansätze zur Kunstinterpretation haben Generationen von Kunstwissenschaftlern inspiriert und beeinflusst.

Ein weiteres wichtiges Konzept, das Panofsky prägte, war die Unterscheidung zwischen der „inhaltlichen“ und „formalen“ Analyse von Kunstwerken. Er argumentierte, dass die wahre Bedeutung eines Kunstwerks nicht allein durch seine äußere Erscheinung, sondern auch durch seine verborgenen symbolischen Schichten vermittelt wird.

Panofskys Einfluss erstreckte sich über die Grenzen der Kunstgeschichte hinaus und fand auch in anderen Disziplinen wie Literaturwissenschaft und Anthropologie Anerkennung. Seine Arbeit hat dazu beigetragen, das Verständnis von Kunst als eine komplexe Form der Kommunikation zu vertiefen, die tief in die menschliche Kultur eingebettet ist.

Erwin Panofsky verstarb am 14. März 1968, aber sein Vermächtnis lebt weiter in der Kunstgeschichtsschreibung und bleibt eine Inspiration für alle, die sich mit der Analyse und Interpretation von Kunst beschäftigen.

Also, lassen wir uns von Erwin bei der Begegnung mit dem Unbekannten (Kunstwerk) helfen. Nein, es braucht kein Kunstgeschichtsstudium. Kein Buch. Nur Zeit. Und Geduld (vor allem mit uns selbst…) 

Auf los geht’s los:

Erwin Panofsky prägte ein dreistufiges Schema zur Analyse von Kunstwerken, das eine tiefergehende Betrachtung der künstlerischen Bedeutung ermöglicht. Dieses Modell umfasst die vorikonographische Beschreibung, die ikonographische Analyse und die ikonologische Interpretation.

Hört sich komplizierter an, als es ist, versprochen!

Die vorikonographische Beschreibung befasst sich mit der Identifikation und Relation von Formen und Motiven im Kunstwerk, basierend auf praktischer Erfahrung. Das Erkennen ausdruckshafter Eigenschaften wie Gesten bildet hierbei den Ausgangspunkt. Bei Unklarheiten können Fachliteratur oder Expert:innen herangezogen werden.

Übersetzt: Anschauen. Weiter anschauen. Wirken lassen. Auf sich selbst hören. Vielleicht etwas erkennen. (Das muss tatsächlich nicht bildhaft vorhanden sein, sondern kann auch abstrakt sein. Ich weiß, das hört sich noch komplizierter an, ist aber so was Einfaches wie ein Gefühl: Mag ich. Mag ich nicht. Hässlich. Schön. So was.) Das mit der Fachliteratur oder den Expert:innen kommt dann. Das kann das Schild neben dem Kunstwerk sein. Oder ein Audioguide. Oder so.

In der zweiten Stufe, der ikonographischen Analyse, werden Bedeutungen und Zusammenhänge durch die Verknüpfung von Motiven mit bekannten Themen und Konzepten entschlüsselt. So kann beispielsweise Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“ durch seine Anordnung und Posen identifiziert werden. 

Das ist dann das „Wiedererkennen“. Nicht immer ganz leicht, weil ja heute beispielsweise bestimmte Symbole nicht mehr so benutzt werden. Dafür andere… Und weil viel eben auch durch die christliche Ikonografie geprägt ist, in der sich die meisten (Hand aufs Herz) dann doch nicht mehr soooooo gut auskennen…. Aber eben: es gibt ja noch Möglichkeiten zum Nachforschen!

Die ikonologische Interpretation zielt schließlich darauf ab, den tieferen Sinngehalt des Bildes zu erfassen. Dies geschieht durch die Einbeziehung des historischen Kontextes, wie Epoche, Nation oder soziokulturelle Faktoren. Das Bild wird als Dokument seiner Zeit verstanden und offenbart seinen Gehalt als Symptom eines größeren kulturellen oder philosophischen Zusammenhangs.

So, jetzt braucht es endgültig ein Buch oder ein Internet oder so! 

ABER: (ja, ein aber musste kommen). Ändert es wirklich das Kunstwerk vor uns? Nö! Das ist da! Ich greife da nochmal die Zwiebel auf. Die ist Zwiebel mit ihrer braunen trockenen Haut. Erkennbar. Und es bleibt eine Zwiebel, auch wenn ich die braune Haut entferne und darunter eine andere Lage zum Vorschein kommt. Zwiebel ist Zwiebel. Und Kunstwerk ist Kunstwerk. 

Am wichtigsten am Kunstwerk sind wir. Die Betrachtenden. Und damit reicht auch der Schritt 1 und etwas Zeit aus. Funktioniert bei Stilleben genauso wie bei Mondrian. Bei Karl Friedrich Schinkel wie bei Zaha Hadid. Und bei Bernini wie bei Claudel. 

Also (sorry Erwin!): Kunst läuft nicht weg. Wir sollten es auch nicht tun. Wenn uns schon irgendwie etwas „angesprochen“ (oder abgewiesen) hat, warum nicht einen Versuch starten und schauen, ob es was an- oder abstößt. Verlieren tuen wir selten. Meistens gewinnen wir. Wenigstens eine Seh-Erfahrung!

…to be continued…

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