„Das spricht mich so überhaupt nicht an…“
„Was soll der Quatsch denn?“
„Ich verstehe das nicht!“
„Sind doch nur Farbkleckse.“
Abstrakte Kunst spaltet die Gemüter, definitiv! Für die einen ist sie juchhu und Freiheit pur, für andere bloß „bunte Farbkleckse“. Aber was steckt denn eigentlich dahinter? Schauen wir doch mal auf einige Aspekte abstrakter Kunst – von den Anfängen bis zu ihrer Wirkung auf unser Gehirn!
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Wie entstand die abstrakte Kunst? Eine Revolution der Bildsprache
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten Künstler:innen wie Hilma af Klint, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch und andere die traditionelle Kunstauffassung auf den Kopf. Die Welt veränderte sich: Industrialisierung, Fotografie und Wissenschaft zeigten, dass Kunst nicht länger nur die sichtbare Realität abbilden musste.
Die Künstler:innen fingen an, neue Wege zu suchen, mit Farbe zu „spielen“, um Emotionen, Stimmungen und Ideen auszudrücken. So entstand eine Bildsprache, die sich nicht mehr an Motiven orientierte, stattdessen darüber hinaus ging und sich auf Farbe, Form und Komposition fokussierte.
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Farbe als Sprache der Gefühle
In der abstrakten Kunst ist Farbe nicht (nur) dekorativ – sie ist Träger von Emotionen:
• Rot signalisiert Energie, Leidenschaft, manchmal Gefahr.
• Blau vermittelt Ruhe, Weite, Melancholie.
• Gelb steht für Optimismus, kann aber auch Unruhe auslösen.
Künstler wie Mark Rothko und Jackson Pollock nutzten Farbe auf sehr unterschiedliche Weise: Rothko schuf ruhige Farbräume, Pollock brachte Bewegung und Dynamik in seine Werke. Bei beiden zeigt sich: Farbe kann mehr erzählen als jedes Motiv.
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Warum „Das könnte ich auch“ nicht ganz so einfach ist
Na klar schießt einem vor einer blauen Leinwand (oder rot, gelb, grün) oder Farbspuren, Pinselklecksen durch den Kopf „Na, das hätte ich auch hinbekommen!“ Aber: Die scheinbare Einfachheit abstrakter Werke täuscht. Hinter jeder Linie, jedem Farbauftrag stecken bewusste Entscheidungen, langjährige Übung und komplexe Techniken. Hört sich komisch an, ist aber so:
• Technik und Konzept gehen Hand in Hand:
• Rothkos Farbschichten verlangen präzise Lasurtechnik.
• Pollocks kontrolliertes „Chaos“ basiert auf jahrelanger Erfahrung.
Die Abstraktion erfordert ein tiefgehendes Verständnis von Komposition, Balance und Farbwirkung – Fähigkeiten, die nicht zufällig entstehen. Und (ganz ehrlich) hinbekommen würden wir das vielleicht schon, aber hätten wir auch die Idee dazu gehabt? Ich meine, „Nachmalen“ ist (relativ gesehen) easy, die Frage ist ja tatsächlich, ob wir diesen kreativen Ansatz auch gehabt hätten…
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Abstrakte Kunst fordert aktive Betrachter:innen
Im Gegensatz zu realistischer Kunst gibt abstrakte Kunst keine fertige Geschichte vor. Sie lädt dazu ein, selbst Bedeutungen zu entdecken und persönliche Assoziationen zu entwickeln. Also nehmen wir beispielsweise mal ein barockes Stillleben: klar erkennen wir da Dinge. Gläser, eine Zitrone, ein totes Tier, alles, was da so herumliegt. Unser Gehirn liebt das! Will uns in Sicherheit wiegen. Und dazu ist das Erkennen (und Bestätigen) ganz wichtig. „Hab keine Angst, das ist doch nur ein Glas.“ „Ach so.“ „Ja, keine Gefahr, wir haben das erkannt und für dich eingeordnet hier oben in deiner Zentrale.“
Bei abstrakter Kunst funktioniert das nicht. Aber: unser Gehirn möchte uns trotzdem beruhigen. Also zieht es alle Register, gleicht ab und gaukelt uns vor, dass da vielleicht doch ein Vogel ist. Ein Kopf. Oh, oder eine Schildkröte?
Wir sind darauf fokussiert, zu erkennen. Vernunftgesteuert. Lösungen finden. Antworten.
Die gibt uns aber abstrakte Kunst nicht. Nicht so wie wir es gewohnt sind.
Es gibt kein richtig oder falsch. Es gibt nur uns. Und das Bild. Und alles ist richtig.
Jede:r sieht was anderes – abhängig von den eigenen (Seh-)Erfahrungen, Emotionen und inneren Bildern, ja sogar von der Tagesform. Und so kann ein Werk uns ansprechen, eine Geschichte zum Laufen bringen oder eben nicht. Macht nichts. Vielleicht beim nächsten Mal.
Vielleicht ist es hilfreich hier den Vergleich zur Musik zu ziehen: Manchmal läuft ein Song im Radio, den wir mögen. Manchmal nicht. Dann schalten, scrollen wir weiter. Bis wir was finden, was wir gerne hören wollen. Jetzt. In dieser Stimmung. (Morgen kann es schon wieder ganz anders sein.) Hören wir auf Texte? Manchmal. Hinterfragen wir die Komposition. Eher selten. Genießen wir, was wir hören? Oh ja!
Zurück zur Malerei: Warum fragen wir uns denn so häufig, was die:der Künstler:in uns sagen will? Es gibt definitiv keine Anleitung! Kein:e Künstler:in gibt uns ein Hand-Out, dass wir lesen können und dann verstehen, was da ist. (Im Übrigen auch bei einem barocken Stillleben nicht. Die 300 Jahre (oder noch älteren) Symbole spielen in unserem heutigen Leben keine Rolle mehr. Wir kennen sie kaum noch.)
Also geht es um uns. Nicht mehr nicht weniger. Aber das ist uns (häufig) zu viel. Keine Antworten. Sondern ganz viele Fragen. An uns. Für uns! Mit uns? Es hilft, sich die Zeit zu nehmen. Die Geschichten zu hören, die die Kunstwerke (uns) erzählen. Über uns. Auch wenn es manchmal nicht so leicht fällt! (und ganz ehrlich: wir müssen nicht vor jedem Kunstwerk stehen und warten. Es ist völlig fein, auch einfach weiterzugehen. Wie bei dem Song im Radio. Der nächste ist vielleicht besser. Wenn nicht: weiter geht’s!)
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Neurowissenschaftlich belegt: So wirkt abstrakte Kunst auf unser Gehirn
Studien zeigen übrigens, dass abstrakte Kunst besondere Bereiche unseres Gehirns aktiviert:
• Das Default Mode Network (DMN) wird angeregt: unser Zentrum für freies Denken, Fantasie und Kreativität.
• Emotionale Zentren wie die Amygdala reagieren direkt auf die Farben.
• Visuelle Analyseprozesse laufen aktiver, da das Gehirn unvollständige Informationen „ergänzen“ möchte (das, was ich oben beschrieben habe).
Abstrakte Kunst fordert also das Gehirn heraus und fördert kreatives Denken – weit über den Moment der Betrachtung hinaus. Ist doch cool! Diese Chance zum Gehirnjogging kann man doch mal nutzen!
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Abstrakte Kunst als Experimentierfeld für Künstler:innen
Abstrakte Kunst ist kein Stil, sondern ein offenes Feld:
• Geometrisch-konzeptionell arbeiten Künstler:innen wie Piet Mondrian.
• Spontan-experimentell arbeiten andere wie Jackson Pollock oder Katharina Grosse (gerade auf der art Basel zu sehen auf dem Messevorplatz).
Ob strukturiert oder frei, immer steht die unmittelbare Wirkung von Farbe, Form und Bewegung im Zentrum.
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Fazit: Warum abstrakte Kunst fasziniert
Abstrakte Kunst entzieht sich also diesen (vermeintlich) „einfachen“ Erklärungen – und genau darin liegt ihre Kraft, unsere Chance. Sie fordert dazu auf, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, Emotionen zuzulassen und sich auf dieses unmittelbar sinnliche Erlebnis einzulassen.
Wer abstrakte Kunst anschaut, hat letztlich ein Rendezvous mit sich selbst: den eigenen Gefühlen, Gedanken und Geschichten.
Vielleicht ist also die nächste Begegnung mit abstrakter Kunst mehr als ein ästhetisches Erlebnis: eine Einladung, neu zu sehen (und zu denken).








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