Gedanken über Raum, Bewegung und die Momente dazwischen

Wenn Bewegung auf Ordnung trifft
Ein Kind auf einem Roller.
Eine große, ruhige Fläche.
Rhythmisch gesetzte Säulen, klare Linien, eine spiegelnde Wasserfläche.
Ein städtischer Ort, präzise geplant – und ein kurzer Moment der Bewegung, beiläufig und gleichzeitig vollkommen stimmig. Für einen kurzen Augenblick verändert sich alles: Der starre Rhythmus der Säulen wird zur Kulisse, die spiegelnde Fläche zur Bühne. Und es zeigt sich: Architektur lebt vom Menschen, der sich darin bewegt und wirkt gleichzeitig auf ihn zurück.
Solche Szenen zeigen uns, wie stark Raum und Bewegung miteinander verwoben sind. Und wie sehr sich unsere Wahrnehmung verändert, sobald etwas in Bewegung kommt – ein Mensch, ein Schatten, ein Windstoß.
Architektur als Wahrnehmungsraum
Architektur entsteht aus Konzept, Maß und Ordnung. Sie ist (in der Regel) gemacht, um zu bleiben. Fassaden, Achsen, Raster, all das gibt uns Orientierung, Sicherheit und Stabilität.
Aber gebauter Raum ist nicht nur ein Objekt, sondern immer auch ein Wahrnehmungsraum. Er entsteht erst durch das, was in ihm geschieht – durch klingende Schritte, sich richtende Blicke, ihn durchquerende Körper…
Man kann also sagen, Räume leben erst, wenn wir uns in ihnen bewegen!
Ein Blick zurück – Macht und Inszenierung
Seit der Antike war Architektur immer auch Botschaft, so haben z.B. die griechischen Tempel die zu ihrer Zeit herrschende religiöse und gesellschaftliche Ordnung verkörpert. Oder römische Monumentalbauten dienten dazu, Macht und Kontrolle zu demonstrieren.
Mittelalterliche Kathedralen waren spirituelle Orte und gleichzeitig (weithin) sichtbare Machtzentren. Säulen, ein Machtsymbol – ob an einem Tempel, als hochaufragender Kirchturm oder moderner Banken-Tower. Renaissance-Paläste, Barockresidenzen, Industriearchitektur, … jede Epoche nutzt Bauten, um Stärke und Status zu inszenieren.
Und eben diese Strategien sehen wir ja auch heute noch in gläsernen Unternehmenszentralen, Regierungsbauten oder weiträumigen (kahlen) Stadträumen, die Distanz schaffen, Nüchternheit beschwören und abweisend wirken (können).

Wie Architektur auf uns wirkt
Architektur prägt definitiv unser Empfinden. Das merkt man ja, sobald man ein Gebäude betritt. Fühlt sich gut an, fühlt sich kalt an, heißt mich willkommen, schmeißt mich raus. Die Architektur kann Weite schenken oder Enge spürbar machen, uns beruhigen oder unter Druck setzen. Und: Sie wirkt emotional, psychisch und körperlich auf uns. Oft unbewusst.
Ein Beispiel hierfür sind Krankenhäuser. (Wer hat sich eigentlich diesen Namen ausgedacht? Müsste es nicht stattdessen „Gesund-werd-Häuser“ oder „wir-versorgen-dich-Häuser“ heißen?) Die sollten ja eigentlich Orte der Heilung (auf so vielen Ebenen) sein, aber oft wirken sie kalt, anonym, funktional. Lange Flure, grelles Licht, harte und kalte Materialien, alles spricht die Sprache der Effizienz, nicht die der Genesung. Wieviel hilfreicher wäre ein anderes Wording, eine Gestaltung, die Positivität ausstrahlt, Licht, Farben… Materialien und Proportionen, die Heilungsprozesse unterstützen.
Architektur für den Menschen
Das gilt nicht nur für „Krankenhäuser“, sondern eigentlich für alle Bauten, in denen wir leben, arbeiten, lernen oder warten. Architektur sollte Begegnung ermöglichen, Orientierung geben und Sinneserfahrungen bereichern. Sie ist meist dann am stärksten, wenn sie den Menschen ins Zentrum stellt, nicht als Nebendarsteller:in, sondern als Hauptfigur. Als Mittelpunkt.
Das Wechselspiel von Statik und Bewegung
Das Kind in dem Bild mit Roller, der Geschwindigkeit, der spielerischen Selbstverständlichkeit steht nicht im Widerspruch zur Monumentalität des Ortes. Im Gegenteil: Erst durch diesen Kontrast wird etwas sichtbar. Die Schwere der Architektur und die Leichtigkeit der Bewegung machen sich gegenseitig erfahrbar. (Das funktioniert nun mal so: ohne das eine nehmen wir das andere nicht wahr. Ohne Hell kein Dunkel, ohne offen kein geschlossen, ohne hart kein weich – you get the point.)
Mich interessiert, wie wir Räume sinnlich erleben:
Wie Material klingt, wenn man darüber läuft.
Wie Licht Schatten wirft.
Wie Linien uns lenken.
Wie Spiegelungen uns kurz irritieren und damit unsere Aufmerksamkeit (wieder) schärfen.
Eben Architektur als einen Rahmen, den wir mit Leben füllen. Wie das Kind auf dem Roller.
Eröffnung von (Gedanken-)Welten
In der Kunstvermittlung sprechen wir davon, dass Betrachtende durch ihre eigene Position Teil des Bildes werden. Ihre Gedanken das Gemälde, die Skulptur überhaupt erst entstehen lassen. Vervollständigen.
Im Stadtraum gilt das genauso: Jeder Schritt verändert die Perspektive. Jeder Moment prägt sich ein, flüchtig wie er ist, aber wirksam. Vielleicht braucht es dann tatsächlich nicht mehr als ein Kind auf einem Roller, das im Vorbeifahren eine ganze (Gedanken-)Welt öffnet.








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