Wie die Kunst den Raum entdeckte
Wenn du heute in einem Museum vor einem Gemälde stehst, erwartest du fast automatisch, dass es dir einen Raum (er)öffnet. Linien, die in die Ferne laufen. Figuren, die kleiner wirken, je weiter sie „hinten“ stehen. Ein Horizont, der deinem eigenen Blick entspricht. Diese Sehweise ist uns so vertraut, dass sie selbstverständlich scheint.
Aber: ist sie gar nicht. Und es handelt sich hierbei auch nicht um ein Naturgesetz. Die „Erfindung der Perspektive“ war ein kulturelles Experiment und auch ein riesengroßer Umbruch, der unsere Wahrnehmung (von Bildern) bis heute prägt.
Warum glänzt der Goldgrund?
Stell dir mal eine mittelalterliche Ikone vor: ein goldener Hintergrund, frontal dargestellte Figuren, keine Schatten, keine Landschaft. Auf den ersten Blick wirkt das sehr ungewohnt, vielleicht sogar „unrealistisch“. Aber: das Ziel ist hier ein anderes. Der Goldgrund steht nicht für z.B. Sonnenlicht, sondern für das Ewige, das Transzendente. Diese Bilder wollen dich nicht in eine Bühne hineinziehen, sondern die Gegenwart des Heiligen sichtbar machen.
Dabei folgt diese Ordnung dann auch nicht optischen Gesetzen, sondern Bedeutungen: Die wichtigste Figur erscheint größer, nicht „näher“. Manchmal scheinen Linien nicht nach hinten, sondern nach vorn zu laufen (das wird manchmal als „umgekehrte Perspektive“ bezeichnet). Aber das ist kein mathematisches System, sondern Ausdruck einer anderen Priorität. Bedeutung und Liturgie zählen mehr als die Illusion eines messbaren Raums.
Wenn du Lust hast, schau dir einmal Andrej Rubljows „Trinität“ an. Achte auf den Goldgrund, die ruhigen Gesten, die fast kreisförmige Anordnung. Raum ist hier nicht optisch berechenbar, sondern „nur“ symbolisch greifbar.
Wann beginnt der Raum „zu kippen“?
Um 1300 verändert sich dann die Bildsprache. Zuerst in Italien. Giotto, der die Arena-Kapelle in Padua ausgemalt, wagt hier etwas komplett Neues: Seine Figuren wirken fast körperlich, voluminös, die Architektur wie eine Bühne. Noch kein mathematisch berechneter Raum, aber ein erzählbarer Ort. Damit wird der Schritt von der reinen Symbolfläche hin zu einem Raum spürbar, in dem Geschichten greifbar werden.
Wie beweist man, dass man Raum berechnen kann?
Ein Jahrhundert später, in Florenz, beginnt dann die eigentliche Revolution. Filippo Brunelleschi malt um 1420 das Florentiner Baptisterium auf ein kleines Täfelchen und erfindet damit so etwas wie das erste „optische Experiment“. Wer durch eine kleine Öffnung im Täfelchen und zugleich in einen Spiegel blickte, sah Bild und Wirklichkeit deckungsgleich übereinander. Ein Beweis: Raum lässt sich berechnen.
Leon Battista Alberti schreibt kurz darauf seinen berühmten Vergleich: Ein Gemälde ist wie ein „offenes Fenster“. Dahinter verbirgt sich ein Regelwerk in dem Horizontlinie, Fluchtpunkt, Orthogonalen beschrieben werden. Von da an ist Perspektive nicht mehr nur ein Gefühl, sondern eine Technik. Und außerdem auch der Ausdruck eines neuen Weltbilds: Der Mensch, seine Augenhöhe, sein Blick, … werden zum Maß aller Dinge.
Probier es doch mal selbst: Zeichne ein Rechteck, setze eine Horizontlinie, markiere auf dieser Horizontlinie einen beliebigen Fluchtpunkt und ziehe alle Linien dahin – schon entsteht eine räumliche Illusion.
Wie schalten Künstler:innen den Raum „ein“?
Die Malerei des 15. Jahrhunderts zeigt, wie wirkungsvoll diese neue Wissen genutzt werden konnte. Masaccio beispielsweise öffnet in seiner Trinità eine Wand zu einem virtuellen Kapellenraum, der sich genau in Augenhöhe der Betrachter:innen erschließt. Paolo Uccello auf der anderen Seite lässt Lanzen und Schilde in der „Schlacht von San Romano“ wie Lineale in den Raum laufen – fast so, als würde er selbst mit der Geometrie spielen.
Bei Piero della Francesca dann wird es still und klar: Als Maler und Mathematiker konstruiert er Räume von beinahe greifbarer, klarer Ordnung. Andrea Mantegna setzt dagegen auf Dramatik. Sein berühmter Christus in dem Gemälde „Die Beweinung Christi“ liegt so verkürzt im Bild, dass man förmlich meint, direkt vor dem Körper zu stehen. Die Nähe wird fast schon zur Zumutung. Leonardo da Vinci erweitert die Methoden dann noch einmal: In seinem Abendmahl bündelt der Fluchtpunkt alle Linien auf der Augenhöhe Christi. Gleichzeitig entwickelt er die Idee der Luft- oder atmosphärischen Perspektive: Farben sind eher bläulich, Konturen verschwimmen in der Ferne. Tiefe entsteht hier nicht durch Geodreiecke, sondern durch Luft und Licht.
Auch im Norden nimmt die Begeisterung für Perspektive Fahrt auf. Albrecht Dürer veröffentlicht 1525 eine „Underweysung der Messung“, ein Lehrbuch mit Holzschnitten, die Geräte wie Gitter oder Visiereinrichtungen zeigen, mit denen die Erstellung von Gemälden mit Perspektive vereinfacht werden soll. Sehen ist bei ihm also kein „göttliches Genie“, sondern Handwerk, das man üben kann.
Warum ist Realismus nicht immer das Ziel?
Aber Illusion war nie der einzige Weg. In der orthodoxen Tradition wäre ein naturalistischer Raum sogar störend gewesen! …da ging es um die Gegenwart des Heiligen, nicht um eine Bühne. Auch im Mittelalter sicherten Goldgrund und klare Symbole eine bessere Lesbarkeit für die Gemeinde.
Ab 1520, im Manierismus, werden die Regeln dann ganz bewusst gebrochen. Parmigianino malt seine „Madonna mit dem langen Hals“ mit überlangen Proportionen, El Greco verzerrt Räume expressiv, um die Spiritualität zu steigern. …Perspektive ist immer Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck.
Was passiert, wenn der Himmel aufreißt?
Im Barock wird die Perspektive zum großen Spektakel und gleichzeitig zur Reflexion. Andrea Pozzo malt in Sant’Ignazio in Rom eine Decke, die sich scheinbar ins Unendliche öffnet. Stehst du am richtigen Punkt, geht der Himmel auf, geht man einen Schritt zur Seite, verlässt man den rechten Weg, kippt die Illusion. Giovanni Battista Gaulli, lässt in Il Gesù Wolken und Engel quasi in den Kirchenraum stürzen und Bernini inszeniert in der Cornaro-Kapelle die Ekstase der heiligen Teresa als Gesamtkunstwerk aus Architektur, Skulptur und Licht.
Auch die Architektur selbst wird zur Bühne: Borromini baut im Palazzo Spada eine Kolonnade, die viel länger wirkt, als sie tatsächlich ist! Ein ziemlich raffiniertes Täuschungsstück. Und Hans Holbein d. J. legt in seinem Gemälde „Die Gesandten“ einen verzerrten Fleck in den Vordergrund, der erstmal gar nicht zu erkennen ist. Erst wenn man sich in eine schräge Perspektive denkt, kann man diesen Fleck als Schädel erkennen. Ohne Bewegung kein Motiv, die Perspektive gehört zum Dialog zwischen Bild und Betrachter:in.
Was kannst man daraus mitnehmen?
Die Geschichte der Perspektive ist keine gerade Fortschrittslinie. Sie erzählt vielmehr, wie Kulturen ihre Welt in Bildern ordnen.
- Perspektive ist keine Natur, sondern eine Entscheidung.
- Tiefe entsteht durch mehr als Linien: durch Luft, Licht, Farbe, Verkürzung und Standpunkt.
- Realismus war nie das Maß aller Dinge (manchmal stand er sogar im Weg)
- Und der Barock erinnert uns daran: Ohne dich, ohne deinen Standpunkt, kippt jede Illusion!
Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis: Jedes Bild eröffnet eine Welt, aber nie die Welt schlechthin.
Perspektive heute: Von der Kunst ins Leben
Auch wir heute sind ständig mit Fragen der Perspektive beschäftigt: beim Fotografieren einer Szene, beim Betrachten einer Stadt oder beim Nachdenken über ein Thema. Schon ein Schritt zur Seite, ein Blick von oben oder unten verändert das ganze Bild.
Die Kunstgeschichte zeigt uns, dass Kulturen zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, was ein „richtiger“ Raum ist. Für die byzantinische Ikonenmalerei war er ein geistlicher Bedeutungsraum, für die Renaissance ein mathematisch berechenbarer, für den Barock eine Bühne. Keine dieser Lösungen ist „falsch“, sie sind alle Ausdruck unterschiedlicher Weltbilder.
Genau das können wir eigentlich auch daraus mitnehmen: Es gibt nicht nur eine Perspektive. Unterschiedliche Kulturen, Zeiten und Menschen sehen die Welt anders und gestalten ihre Bilder entsprechend. Diese Vielfalt ist die eigentliche Stärke.
Vielleicht liegt darin auch die Aktualität: Perspektive ist eine Haltung. Sie lädt dich ein, Standpunkte zu wechseln, andere Sichtweisen auszuprobieren und die Vielfalt der Bilder (wie auch die Vielfalt der Welt, der Menschen, der Meinungen, …) als Bereicherung zu sehen.
Denn: Perspektive ist immer eine Entscheidung 😉








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