Straßen als Archive

Während unserer letzten Reise nach England sind wir (wie immer) ziemlich viel gelaufen, zu Fuß unterwegs gewesen, durch die Gassen und Strassen geschlendert. Ich finde, dass ist eine der besten Arten, sich mit unbekannten Orte vertraut zu machen. Die unterschiedlichen Strassenbeläge, die Gerüche, die Menschen, die dort unterwegs sind – all das erzählt ja eine Geschichte. Und diese Geschichten sind sooooo unterschiedlich. Und für mich macht das einen ganz großen Teil des Reisens aus: diese unterschiedlichen Geschichten zu erforschen, zuzuhören und so viel kennenzulernen!

Dabei und dazu habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und die habe ich hier mal versucht, in geordnete Buchstaben und sortierte Worte zu bringen.

Wie schon gesagt, sind Straßen ja weit mehr als bloße Verbindungen von A nach B. Sie sind Archive aus Stein, Asphalt und Begegnungen, eben Linien, in denen sich die Geschichte der Menschheit eingeschrieben hat. Wer durch eine Straße geht, bewegt sich durch ein Geflecht aus Zeit, Raum und Erinnerung. Jede Pflasterung, jede Spur, jeder Straßenname erzählt von Bewegungen, die längst vergangen aber immer noch spürbar sind.

Von vorne: Am Anfang war der Weg. (Hört sich sehr poetisch an.) Eine Spur, (ein-)getreten von Füßen, von Hufen, von Rädern. Entstanden aus einer Notwendigkeit: nämlich dem Wunsch, von einem Ort zum anderen zu gelangen, Wasser zu finden, Handel zu treiben, sich zu treffen. Mit der Zeit wurden aus den Pfaden Wege, aus Wegen Straßen – befestigt, vermessen, geplant. Schon in der Antike haben dann diese Straßen nicht nur Orte, sondern auch Ideen, Sprachen und Menschen verbunden.

Wege der Macht und des Handels

Die Römer waren Meister für genau diese Verbindungen. Ihre Straßen (schnurgerade, mit Steinplatten gepflastert, von Meilensteinen flankiert) waren Ausdruck einer Ordnung, die sich über Kontinente erstreckte. Sie ermöglichten Handel und Kommunikation, aber auch Kontrolle und Expansion. Soldaten, Händler, Reisende und Nachrichten waren alle auf denselben Trassen unterwegs. Straßen waren im wahrsten Sinne des Wortes die Lebensadern eines Reiches, das ohne sie gar nicht existiert hätte bzw. existieren konnte.

Natürlich entstanden auch anderswo Netzwerke, die Weltgeschichte geschrieben haben: die Seidenstraße zwischen China und Europa, die Bernsteinstraße durch Mitteleuropa, die alten Karawanenrouten Nordafrikas. Sie trugen Gewürze und Stoffe, aber ebenso Erzählungen, Religionen, Erfindungen und wow, so vieles mehr! (wenn die erzählen könnten!) Straßen waren Austausch und (Achtung!) Risiko. Wer sie betrat, setzte sich der Welt (und ihren Gefahren) aus.

Im Mittelalter bildeten sich Straßen, die Markt, Kirche und Rathaus miteinander verbanden. Zentren des Lebens, des Glaubens, des Handels. Sie waren laut, lebendig, durchmischt: Orte, an denen Neuigkeiten gehandelt wurden wie Waren. Die Straße war (noch) der Raum des Gemeinsamen, bevor sie später zur Grenze zwischen Innen und Außen wurde.

Straßen als Spiegel der Gesellschaft

Mit der Moderne wandelte sich ihr Charakter. Straßen wurden zu Symbolen von Fortschritt und Ordnung. Paris unter Haussmann, Wien mit seinen Ringstraßen, Berlin mit seinen Achsen: Städte öffneten sich, machten sich sichtbar. Breite Boulevards bedeuteten Transparenz, Übersicht, Macht. Doch in dieser Neugestaltung lag auch eine neue soziale Ordnung: Wer auf diesen Straßen flanierte, gehörte dazu. (Und es mussten auch einige historische Bauwerke weichen, um diese Prachtmeilen überhaupt erst möglich zu machen…)

Im 19. Jahrhundert wurde das Gehen selbst dann zu einer kulturellen Praxis. Der Spaziergang war keine Notwendigkeit mehr, sondern Ausdruck von Bildung, Freizeit und sozialem Status. Der Flaneur, die Spaziergängerin machten die Straße zum Ort der Beobachtung und des Nachdenkens. Hier sah man, was sich veränderte: die Geschwindigkeit, die Geräusche, das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatleben.

Mit der Industrialisierung wurde die Straße zur Bühne der Moderne. Sie war Verkehrsweg und Protestraum, Ort der Arbeit und für Demonstrationen und Proteste. Auf ihr fuhr das Automobil, marschierten Armeen, forderten Bürger:innen (ihre) Rechte ein. Die Straße spiegelte, wie und was die Gesellschaft (sich)bewegte.

Neue Formen der Bewegung

Heute prägen neue Spuren das Bild: Radwege, Busspuren, Zebrastreifen, herumliegende E-Roller. Das, was einmal der/dem Fußgänger:in gehörte, wird neu verhandelt. Straßen erzählen vom Wandel urbaner Lebensformen, von Nachhaltigkeit, Sicherheit, Geschwindigkeit (und immer noch Gefahr – jetzt aber wieder ganz andere Arten). Die Frage, wem die Straße gehört, ist eine gesellschaftliche.

Gleichzeitig entstehen neue Formen des Gehens. Spazierengehen ist wieder aktuell! …jetzt nicht mehr als Statussymbol, sondern als Haltung. Langsamkeit als Gegengewicht zur Beschleunigung. Das Gehen als Methode, um wahrzunehmen, zu verstehen oder einfach zu atmen in der Hektik des Alltags. Vielleicht liegt in dieser Rückkehr zum Gehen ja eine Wiederentdeckung von dem, was Straßen mal waren: offene Räume der Begegnung. (Wäre ja eine schöne Idee, wenn wir diese öffentlichen Orte nutzen würden, um wieder mehr zusammen zu kommen!)

London – Schichtungen einer Stadt

In London z.B. verdichten sich all diese Schichten. Römische Trassen, mittelalterliche Gassen, viktorianische Boulevards, moderne Achsen: alles existiert neben-über-durcheinander. Wer durch die Stadt läuft, begegnet Mauern, Pubs, Glasfassaden, Straßenmusik. Jede Straße trägt eine andere Stimmung, einen anderen Ton. In Shoreditch Graffiti und Glas, in Notting Hill pastellfarbene Reihen, in der City das Geräusch (der Lärm) der Gegenwart.

Und zwischen all dem: Menschen. Geschäftsleute im Anzug, Schulkinder in Uniform, Künstler:innen, Tourist:innen, Passant:innen, Gesichter aus aller Welt. Die Vielfalt der Stadt zeigt sich in ihren Straßen, in Sprache, Kleidung, Bewegung. Jede Straße hat ihren Rhythmus, jede ein anderes Tempo.

Reisen auf den Spuren

Ich finde gerade beim Reisen wird diese Erfahrung besonders intensiv. Denn jede Straße, die man betritt, trägt Spuren von jemandem, der sie zuvor gegangen ist. (Krass oder, wenn man sich überlegt, wer da vor einem schon unterwegs war!) Ob in London, Palermo oder Kyoto: Straßen sind überall Archive und Bühnen gleichzeitig. Sie bewahren Spuren der Vergangenheit und öffnen darüberhinaus den Blick auf das gegenwärtige Leben. Wer reist, bewegt sich nicht nur durch Räume, sondern eben irgendwie auch durch Erzählungen, die da zusammenkommen, sich  verdichten.

Straßen erzählen von Macht und Bewegung, von Krieg und Frieden, von Aufbrüchen und Heimkehr. Sie sind Linien des Austauschs, auf denen sich Weltgeschichte und Alltag überlagern. (So klein und doch wieder so bedeutsam!) Und immer bleibt irgendwie was Unfertiges in ihnen…

Persönlicher Blick

Für mich sind Straßen Orte der Neugier und ich könnte Stunden, ach nein, eher Tage zubringen, einfach nur dazustehen und zu glotzen und zu hören und zu riechen (gut, das vielleicht nicht immer so ausdauernd, das kommt auf die Strasse an.) Sie erzählen nicht nur von großen Architekturen, sondern auch von kleinen Beobachtungen: einem Lichtreflex auf nassem Asphalt, dem Geruch frisch gebackener Brötchen am Morgen, einem alten Ladenschild, das die Zeit überdauert hat. Und all das würde ich am liebsten einfangen, ich weiß nur noch nicht so richtig wie. Ich versuche es mit Fotos, aber die geben eben nur einen Bruchteil wieder. Hat irgendwer noch eine andere Idee? Weil die ganzen Geschichten aufschreiben wir auch schwierig: wo anfangen, wo aufhören?

Halten wir also mal fest, Straßen sind irgendwie Archive oder Geschichtsbücher, die im Gehen gelesen werden (Vorsicht, nicht gegen den Laternenpfahl rennen!). Oh und jedes Mal, wenn man selbst darauf läuft, schreibt man die Geschichte weiter, schreibt sie um und wird so zu einem Teil von ihnen. …ein schöner Gedanke, finde ich!

2 Antworten zu „Straßen als Archive“

  1. Avatar von Urs Reimer
    Urs Reimer

    Strassen transportieren nicht nur Zeit und Erlebnisse. Sie haben oft Tiefe, nun dorthingehend unheimlicher, Energie, Daten und Fäkalien…. unsichtbar und verschlossen (Geruchshalber) 😉

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    1. Avatar von Kurt Klemens
      Kurt Klemens

      In der heutigen Welt zerfurchen viele Straßen die Zivilisation, sodass der Wunsch bei mir entstanden ist, Abseits der Straßen mich befreiter zu bewegen , zu wandern, zu pilgern.

      Liebe Grüße Kurt

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