Warum Blau singt und Rot pulsiert

Wie Farben wirken (in der Kunst und in uns)

Walter Gropius hat mal auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe geantwortet: „Meine Lieblingsfarbe ist bunt.“ Ja, ich weiß, bunt ist keine Farbe… Und echt, kann er sich nicht entscheiden, oder wie? Als Architekt mag er doch wahrscheinlich ohnehin am liebsten Schwarz (so jedenfalls besagt es das Stereotyp über Menschen dieses Berufes). Aber das sollte eigentlich nicht das Thema hier sein!

Farben sind ja überall um uns, aber nehmen wir sie (noch) wahr? Selten. Eher dann, wenn sie negativ auffallen, sehr gehäuft sind, unsere Lieblingsfarbe,… Noch weniger als die Farben selbst nehmen wir wahr, wie „lebendig“ sie eigentlich sind. Meistens behandeln wir sie eben als Eigenschaft der Dingen – als ob Rot einfach nur „rot“ wäre, Blau einfach „blau“. Dabei steckt hinter diesen Farben viel mehr, ganze Geschichte(n)! Manche Farben kommen zudem auf uns zu, andere ziehen sich zurück. Manche scheinen zu klingen, andere zu flimmern. Rot kann pulsieren wie eine Stimme, die wärmt oder irritiert. Blau kann singen, ganz leise, tief, fast körperlos. Und die Art, wie wir auf diese Farbstimmen (oder Farbtöne) reagieren, sagt ebenso viel über die Kunst aus wie über uns selbst.

Alles eine Frage der Reaktion

Am Anfang ist alles ein physischer Prozess, denn bevor wir Formen oder Inhalte erkennen, reagiert unser Körper auf Farbe. Rot beschleunigt unseren Puls, Blau beruhigt, Gelb fokussiert, Grün entspannt. Diese Reaktionen passieren schneller, als unser Denken sich da einschalten kann. Gleichzeitig tragen Farben natürlich auch kulturelle Bedeutungen: Weiß steht hier für Reinheit und Anfang, dort für Trauer. Rot bedeutet in einem Kulturkreis Gefahr, im anderen Glück. Farben sind damit nicht nur Erscheinungen, sondern eben auch Erzähl- und Kulturräume.

Um zu verstehen, warum Blau singt, und Rot pulsiert, lohnt sich ein Blick darauf, wie Farbe überhaupt entsteht. Physikalisch gibt es tatsächlich keine Farbe, sondern nur Licht. (Hört sich komisch an, ist aber so!) Verschiedene Wellenlängen erzeugen dann in uns unterschiedliche Eindrücke: langwellige (nicht langweilig!) Strahlen wirken rot, mittlere grün, kurze blau. Objekte besitzen also selbst keine Farbe, sie werfen nur bestimmte Wellenanteile zurück (und schlucken andere). Unser Gehirn fügt daraus Rot, Blau, Gelb zusammen. Drei Zapfentypen in der Netzhaut genügen, um das gesamte Farbspektrum zu erzeugen, und jede Person mischt diese Eindrücke ein wenig anders (was durchaus in zwischenmenschlicher Kommunikation zur Herausforderung werden kann…). Farbe ist also eigentlich ein Prozess, eine Wahrnehmungshandlung, kein Fakt.

Viel Arbeit!

Farbe ist aber eben nicht nur dieses Licht- und Netzhaut-Dings, sondern auch Material. Viele Pigmente erzählen eine Geschichte, die so spektakulär ist wie die Kunst ,für die sie verwendet wurden, selbst. Lapislazuli (dieser blaue Stein) aus afghanischen Bergen war beispielsweise im Mittelalter teurer als Gold. Besonders anschaulich sind tierische Pigmente: Für ein Gramm Cochenillerot benötigt man etwa 150 bis 200 getrocknete Cochenilleläuse (wirkliche klitzekleine Läuschen), um ein Rot zu erhalten, das warm, satt und leuchtend wirkt. Die berühmte Purpurfarbe der Antike wurde aus der Purpurschnecke gewonnen; für ein einziges Gramm dieses Farbstoffs brauchte man mehrere Tausend Meeresschnecken! Ich habe es selbst noch nicht ausprobiert, aber in der Literatur findet man Nachweise, das 8.000-10.000 Schnecken (genauer gesagt ihre Drüsen) notwendig waren!

Farbe war also immer auch Aufwand, Arbeit, Suche, Handelsgut und Prestige. Das verändert sich mit der Industrialisierung, als man ab dem 18./19. Jahrhundert synthetische Pigmente wie Preußischblau oder künstliches Ultramarin herstellte und so das Farbspektrum der Kunst radikal erweitert wurde.

Etwas Theorie

Die europäische Farbtheorie versucht seit Jahrhunderten, die Wirkung von Farbe zu systematisieren. Goethe beispielsweise sah Farbe als Gefühl: Blau als ferne, sanft melancholische Kraft, Gelb als heitere Wärme, Rot als feierliche Intensität. Am Bauhaus formulierte Johannes Itten ein System von Kontrasten: warm gegen kalt, hell gegen dunkel, gesättigt gegen gebrochen. Diese Spannungen erzeugen Dynamik oder Ruhe. Ein klassisches Beispiel hierfür ist van Goghs „Nachtcafé“: Die gelb leuchtenden Flächen der Lampen treten nach vorn in den Raum hinein, während das dunkle Blau der Nacht nach hinten zurückweicht. Dieses „Gelb nah, Blau fern“ ist in diesem Werk sehr gut spürbar, äh: sichtbar. Josef Albers schließlich zeigte, wie relativ Farbe ist: Der gleiche Ton kann je nach Umgebung völlig unterschiedlich erscheinen. Farbe ist nie isoliert, sie lebt immer im Verhältnis.

Auch die Farbpsychologie beschreibt diese Beziehungen. Rot wirkt wie ein Impuls: energisch, warm, manchmal alarmierend. Blau bringt Beruhigung und Perspektive, schafft Weite. Gelb wirkt aktivierend, stimulierend, kommunikativ. Grün ermöglicht Balance, weil das Auge es besonders leicht verarbeitet. Gold ist dabei eine Ausnahme, weil es streng genommen keine Farbe ist, sondern Licht. Gold reflektiert nicht, es leuchtet. Und wo Gold erscheint, entsteht Bedeutung (siehe Kunst im religiösen Zusammenhang!).

Genau hingeschaut

In der Kunst wird Farbe schließlich zu einer eigenen Stimme, die ihre Geschichte mitbringt. Bei Mark Rothko etwa wirkt Rot nicht dekorativ, sondern atmosphärisch. In „Red on Maroon“ scheint die Farbe zu „atmen“. Rothko schichtet Rot und Marone so übereinander, dass sie zu einem Zustand werden. Sein Rot pulsiert nicht, weil wir es darauf projizieren, sondern weil er die Ränder weich, die Übergänge durchlässig und die Flächen tief anlegt. Rot ist bei ihm kein Ton, sondern ein Erlebnis. (Ja, ich weiß, hört sich komisch an, einfach mal Bild anschauen, dann wird’s klarer!)

Helen Frankenthaler ließ das Rot in „Mountains and Sea“ förmlich in (na ja gut, auf) die Leinwand fließen. Ihre transparente, verdünnte Farbe sickert ins Gewebe ein und wirkt wie eine Erinnerung, die sich ausbreitet. Dieses Rot ist leicht, fließend, rhythmisch… Ein Rot, das sich bewegt, nicht drängt. Frankenthaler zeigt hiermit auch, wie Farbe „atmen“ kann (ja schon wieder).

Yves Klein auf der anderen Seite erschafft ein Blau, das singt, weil es nahezu körperlos ist. Sein International Klein Blue wirkt samtig, grenzenlos, fast magnetisch. Es ist ein Blau, das nicht beschreibt, sondern existiert. Klein wollte ein immaterielles Blau schaffen und ich finde, das ist ihm ganz gut gelungen. (Am besten nachvollziehbar, wenn man mal davorsteht.)

International Klein Blue (IKB) entstand übrigens in Zusammenarbeit von Yves Klein und dem Pariser Farbhändler Édouard Adam. Die besondere Leuchtkraft entsteht durch einen matten Polyvinylacetat-Binder (Rhodopas M), der das Pigment fast komplett unverfälscht wirken lässt. Klein ließ die Rezeptur 1960 beim französischen Patentamt registrieren, patentierte sie allerdings nie wie oft behauptet wird.

Bei Hilma af Klint dagegen erzählt Blau von Entwicklung, Energie und Geistigkeit. In „The Ten Largest No. 1 Childhood“ zum Beispiel ist das Blau ganz weich und kreisend. Es klingt dort wie ein ruhiger, beständiger Ton, der alles zusammenhält. Af Klint beschäftigte sich intensiv mit spirituellen Bedeutungen von Farbe und ihr Blau trägt eben diese Bewegung in sich.

Gold funktioniert wiederum völlig anders. In der Ikonenmalerei ist Gold kein Hintergrund, sondern ein Raum ohne Schatten. Gold bedeutet Ewigkeit. Es ist ein Licht, das nicht aus der Welt stammt, sondern sie übersteigt. Gold erzählt von etwas, das nicht vergeht. Anders bei Sonia Delaunay: sie setzt Gold in Bewegung. In ihren rhythmischen Farbkompositionen leuchtet Gold, es ist kein Symbol der Erhabenheit, sondern ein vibrierendes Element unter anderen, ein Teil eines tänzerischen Farbrhythmus.

Farben hören

Ein ganz anderen und sehr besonderer Zugang zur Wirkung von Farbe ist die Synästhesie, quasi die Verschmelzung der Sinne. Manche Menschen (etwa 4%) hören Farben oder sehen Klänge. Kandinsky zum Beispiel war überzeugt, Farben hörbar zu erleben: Gelb klang für ihn wie eine Trompete, Blau wie ein tiefes Cello, Rot wie eine Altstimme. In seinem Werk „Gelb–Rot–Blau“ (und anderen) übersetzte er diese Synästhesien in Formen und Bewegungen. Farbe wird bei ihm Komposition, nicht umsonst, tragen viele seiner Werke diesen Titel. Und ohnehin: da ist ja schon in den Worten ganz viel Gleiches. Farbton, Komposition, Harmonie, Intensität,…

Farben wirken, bevor wir sie verstehen und manchmal erzählen sie Geschichten. Und manchmal singen oder pulsieren sie auch. 😉

Eine Antwort zu „Warum Blau singt und Rot pulsiert“

  1. Avatar von dreamily94ef67acfd
    dreamily94ef67acfd

    Sehr interessanter, spannender und staunenswerter Artikel

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