Über Wahrnehmung, Sehen und warum der Morgen ein besonderer Moment ist
Was ist dir heute als Erstes aufgefallen?
Vielleicht ein Lichtreflex an der Wand?
Ein Geräusch von draußen?
Oder einfach (d)eine Stimmung?
Kleine Frage, die irgendwie so unwichtig aussieht, aber sie hinterfrage genau den Moment, den wir im Alltag oft überspringen: den Moment der Wahrnehmung, noch bevor alles bewertet, sortiert und eingeordnet wird.
Sehen ist nicht Wahrnehmen
…viele von uns sehen ständig. Augen auf, Reiz rein, fertig. Sehen ist ein körperlicher Vorgang, automatisch, schnell, fertig.
Wahrnehmen ist dagegen aber etwas anderes. Wahrnehmung „passiert“ bei uns allen unabhängig vom Sehen und entsteht dort, wo wir auswählen:
Was fällt mir auf?
Was bleibt hängen?
Was berührt mich und warum eigentlich?
Zwei Menschen können dasselbe sehen, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort.
Und trotzdem nehmen sie jeweils etwas völlig anderes wahr.
So kann dasselbe Licht freundlich oder kühl wirken.
Ein Geräusch beruhigend oder störend empfunden werden.
Dasselbe Gebäude offen oder bedrückend.
Das Sehen ist identisch.
Die Wahrnehmung nicht.
Warum der Morgen ein besonderer Wahrnehmungsraum ist
Gerade die ersten Minuten des Tages sind oft noch komplett ungefiltert. Während wir so langsam wach werden und uns räkeln, ist unser Blick noch nicht ganz im „Funktionsmodus“, die Gedanken noch nicht vollständig bei Terminen, Nachrichten, Aufgaben und eben allem, was der Tag, die Woche so bring.
Was uns in diesem Moment auffällt, ist meistens nicht besonders spektakulär, aber oft ziemlich ehrlich. Und genau deshalb so interessant, denn das, was wir als Erstes wahrnehmen, sagt weniger über die Welt aus als über unseren inneren Zustand.
Über Aufmerksamkeit. Stimmung. Offenheit. Müdigkeit. Neugier.
Der Morgen ist dabei eben kein neutraler Zustand, sondern mehr ein Übergang.
Und Übergänge sind perfekte Momente für Wahrnehmung. Für genauer hinfühlen.
Wahrnehmung als Beziehung
In der Kunst, im Design, in der Architektur, in der Literatur, in der Musik, auf Reisen, ach in so vielen Momenten erleben wir genau das: Wahrnehmung ist keine Einbahnstraße. Es geht nicht nur darum, was da ist, sondern darum, wie es auf uns wirkt.
Ein Raum ist nicht einfach nur ein Raum.
Ein Bild nicht einfach nur ein Bild.
Ein Text nicht einfach nur Information.
Wahrnehmung entsteht immer in der Beziehung zwischen uns und dem, was wir (langsam) anschauen, hören, lesen oder durchqueren.
Slow Looking heißt nicht länger schauen
Oft wird Slow Looking missverstanden als etwas Zeitaufwendiges. Als müsse man alles ewig lange anstarren, anhören, komplett analysieren und (natürlich) dann auch vollständig verstehen.
Dabei meint Slow Looking etwas viel Einfacheres: dem ersten Eindruck kurz Raum zu geben. Einen Moment zu stoppen. Nicht sofort zu urteilen. Nicht sofort zu wissen, was man davon hält. Nicht sofort interpretieren, verstehen… Manchmal reichen da ein paar Sekunden mehr Aufmerksamkeit, um einen Unterschied zu machen.
Nicht für das jeweilige „Ding“, sondern für uns und unsere Wahrnehmung.
Und wenn dir nichts einfällt?
Vielleicht ist dir ja heute Morgen nichts Konkretes aufgefallen. Kein Licht. Kein Geräusch. Kein Gedanke. Auch fein. Das ist ja auch eine Wahrnehmung. Muss ja auch alles nicht.
Dann vielleicht morgen.
Oder übermorgen.
Oder an einem ganz anderen Ort.
…vielleicht ist das hier ja eine Einladung einfach mal darauf zu achten…







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