Hä? Das verstehe ich nicht…

…höre ich bei meinen Rundgängen im Museum ziemlich oft.

Meist leise, fast entschuldigend. Manchmal mit einem kleinen Lächeln, manchmal mit spürbarer Irritation. Manchmal mit einem wütenden Unterton.

In dem Moment zeigt sich etwas, das nicht passt, nicht von allein läuft, nicht eindeutig ist. (Ja und manchmal auch Resignation oder eben Verärgerung.)

„Ich verstehe das nicht“ klingt harmlos, verrät aber viel. Denn es setzt ja irgendwie voraus, dass Kunst etwas ist, das man verstehen sollte. Dass es eine richtige Lesart gibt. Eine Erklärung oder Bedienungsanleitung, die irgendwo existiert. Im Kopf der Künstlerin/des Künstlers, im Begleittext, vielleicht im kunsthistorischen Wissen… und die man nur finden müsste, um wieder zu wissen, wo es lang geht…

Die meisten Künstler:innen haben aber keine Anleitungen hinterlassen. Keine Gebrauchsanweisung für ihre Werke, keine eindeutigen Bedeutungen, die man korrekt entschlüsseln müsste. Und selbst wenn sie es getan hätten: Wir leben nicht mehr in ihrer Zeit. Wir sehen mit anderen Augen, bringen andere Erfahrungen mit, stellen andere Fragen. Kunst entsteht in einem bestimmten Kontext, wirkt aber immer in einem anderen.

Das Missverständnis fängt wahrscheinlich da an, wo wir Kunst wie ein Rätsel behandeln, das gelöst werden will.

Besonders deutlich wird das (finde ich) einem abstrakten Gemälde. Man steht vor einer großen Leinwand, vielleicht durchzogen von Farbschichten, von Spuren, von Wiederholungen. Der Blick sucht und findet (erst einmal) nichts, keinen Gegenstand, keine Szene, keinen klaren Bezugspunkt. Und fast automatisch stellt sich dann die Frage: Was soll das denn darstellen? Was soll das überhaupt?

Aber was, wenn es gar nichts darzustellen gibt?

Was, wenn es nicht um ein Motiv geht, sondern um Rhythmus, Dichte, Spannung, Bewegung? Oder sogar: Emotion?

Was, wenn das Werk nicht erklärt werden will, sondern etwas in Gang setzt?

In diesem Moment tritt dann vielleicht etwas in den Vordergrund, das wir nur schwer aushalten können: Unsicherheit.

Kein angenehmer Zustand! Unsicherheit macht unruhig. Sie erzeugt den Impuls, zu bewerten, sich abzuwenden, zu gehen. Denn wir wollen ja wissen, wo wir stehen. Ob wir „richtig“ schauen. Ob wir etwas übersehen. Ob wir genug wissen. Unsicherheit fühlt sich oft an wie ein Defizit, als müsste man sie möglichst schnell loswerden.

Kunst macht aber genau das Gegenteil. Sie hält die Unsicherheit offen. Erklärt nicht.

Vor einer minimalistischen Skulptur beispielsweise, einem reduzierten Körper im Raum, ohne sichtbare Geste, (scheinbar) ohne Geschichte dahinter, passiert was ganz Ähnliches. Man steht davor und denkt vielleicht: Das ist doch nichts. Oder: Das könnte ich auch. Auch das sind Versuche, Unsicherheit zu schließen. Sie stellen wieder Ordnung her. Sie geben dem Gefühl einen Rahmen. Beruhigen.

Aber was, wenn man diesem Reflex mal nicht nachgibt?

Was, wenn man bleibt? …nicht, um zu verstehen, sondern um auszuhalten?

Dieses Aushalten ist eine ziemlich anspruchsvolle Erfahrung. Denn plötzlich gibt es keinen äußeren Halt mehr. Das Werk erklärt sich nicht. Niemand sagt, wie lange man schauen sollte. Es gibt keinen Punkt, an dem man sicher sein kann, „fertig“ zu sein. Stattdessen wird man (und das macht es nicht leichter) mit sich selbst konfrontiert: mit der eigenen Ungeduld, mit dem Wunsch nach Orientierung, mit dem Bedürfnis nach Eindeutigkeit. Dem Wunsch nach Lösung.

Unsicherheit vor Kunst ist kein Mangel, sondern ein Zustand. Einer, den man beobachten kann. Der sich verändert. Der nicht bedrohlich ist  (auch wenn er sich so anfühlen kann und sogar körperliche Reaktionen hervorrufen kann. Ja, wirklich! Menschen reagieren auf Kunst. Bewusst und unbewusst. Und manchmal heftig…)

Ich erlebe in Rundgängen oft, dass sich was entspannt, wenn ich sage: man muss nicht alles verstehen. Man muss auch die Künstlerin oder den Künstler nicht verstehen. Es gibt hier nichts zu lösen. Es reicht, wahrzunehmen, was passiert. Im Raum. Im Werk. In einem selbst.

Das verändert den Blick. Ehrlich! Nicht sofort, aber spürbar.

Man beginnt, genauer hinzusehen. Nicht, um zu einer Antwort zu kommen, sondern um bei der Erfahrung zu bleiben. Farben werden zu Farben, Formen zu Formen, Materialien zu Materialien. Gedanken tauchen auf und ziehen weiter. …vielleicht fängt eine Geschichte an, sich zu erzählen…

Vielleicht ist das dann auch genau der Punkt, an dem Kunst „produktiv“ werden kann. Sie zwingt uns nicht zu einer Meinung. Sie fordert keine Entscheidung. Sie lässt Mehrdeutigkeit stehen, ohne sie aufzulösen. Und sie konfrontiert uns mit der Frage, wie gut wir es eigentlich aushalten, nichts sofort festzulegen.

Eine Fähigkeit, die durchaus auch im Alltag relevant sein kann. Denn wir bewegen uns in einer Welt, die komplex ist, widersprüchlich, oft unübersichtlich. Und wir reagieren häufig mit schnellen Urteilen, klaren Positionen, eindeutigen Zuschreibungen. Das gibt Sicherheit, aber es ist eben auch häufig eine verkürzte Reaktion. Und: es lässt wenig Raum für Zwischentöne, für Ambivalenz, für das Noch-nicht-Wissen. (Was absolut ok ist! Wer weiß denn schon alles?!)

Kunst trainiert nicht den richtigen Umgang mit der Welt. (Das wäre cool!) Sie verspricht keine Lösungen. Aber sie bietet einen Erfahrungsraum, in dem Unsicherheit nicht sofort behoben werden muss. Einen Raum, in dem man erleben kann, dass Nicht-Verstehen kein Scheitern ist, sondern Teil des Prozesses.

Und sie zeigt uns vielleicht genau dadurch etwas. Nicht, indem sie uns sagt, was wir denken sollen, sondern indem sie uns zeigt, dass Denken Zeit braucht. Dass Wahrnehmung vor Bewertung kommen darf. Dass man nicht alles sofort entscheiden muss.

Kunst muss nicht verstanden werden.

Sie muss auch nicht gefallen.

Sie darf irritieren, offen bleiben, widersprüchlich sein.

…und zeigt uns damit ziemlich gut, wie es ist, Unsicherheit auszuhalten…

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