Vieles in unserem Alltag bleibt (leider) beim ersten Blick, beim Oberflächlichen. Wir erfassen, ordnen es ein, geben dem Ding einen Namen und gehen weiter… Ein Bild. Ein Gesicht. Eine Straßenecke. Eine Kaffeetasse im Morgenlicht. Unser Blick ist schnell geworden (zu schnell?). Er funktioniert oft wie so ein kleiner Scanner: erkennen, einsortieren, weiter.
Das ist praktisch. Aber es ist noch nicht unbedingt Sehen.
Zwischen Registrieren und wirklichem Schauen liegt oft ein kleiner Umweg. Ein Moment, in dem wir nicht sofort interpretieren, sondern erst einmal wahrnehmen.
Eine einfache Übung kann dabei ziemlich gut helfen: Versuche mal, ein Bild nicht sofort zu interpretieren, sondern es erst „abzutasten“ (nein, bitte nicht anfassen! Nur mit den Augen abtasten!). Schau nach Formen, Linien, Farben. Vielleicht siehst du eine runde Fläche, ein dunkles Dreieck, eine schräge Linie, ein Feld aus Rot neben einem kühleren Grün. Erst danach kommt die nächste Ebene: Ah, das könnte ein Apfel sein. Oder ein Tisch. Oder ein Horizont. Oder was auch immer…
Dieser kleine Umweg verändert ziemlich viel. Weil man eben nicht sofort beim „Was ist das?“ stehen bleibt, sondern erst einmal wahrnimmt, wie etwas gemacht ist. Wie Farben zueinander stehen. Wie Licht über eine Oberfläche wandert. Wie eine Linie den Blick lenkt.
Oft beginnt genau hier das eigentliche Sehen: nicht im ersten Eindruck, sondern im Moment danach.
Und eigentlich gilt das nicht nur für Kunst. Auch im Alltag registrieren wir vieles nur im Vorübergehen. Wir kennen eine Straße, ohne zu wissen, wie das Licht dort am Nachmittag auf den Stein fällt. Wir sehen den Küchentisch, aber nicht den Schatten der Tasse. Wir laufen durch einen Raum, ohne zu bemerken, wie sich Farben darin gegenseitig verändern.
Der erste Blick erkennt.
Der zweite versteht.
…mehr von Material, Atmosphäre und Zusammenhang. Er bemerkt Beziehungen zwischen Farben, Flächen, Linien, Licht.
Langsam schauen heißt also nicht, kompliziert schauen (oder denken). Es braucht überhaupt kein Vorwissen und nein, auch keine „richtige“ Antwort. Nur ein paar Sekunden mehr Zeit. Ein kleines Innehalten. Den Mut, diesen Umweg zu gehen!







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