Wenn du dem Frühling eine Farbpalette geben müsstest, welche drei Töne wären es?

Gelb. Grün. Blau.

Ich habe nicht lange überlegt. Die drei Farben kamen mir irgendwie sofort in den Sinn…

Gelb zuerst. Und weißt du, welches Gelb ich meine? Nicht dieses satte Gelb von einem Sonnenblumenfeld, sondern eher dieses zarte, ein bisschen leuchtende Gelb der das man in den ersten Märztagen sieht. Das Gelb, das fragt, ob es vielleicht schon rausgucken darf. Mark Rothko hat übrigens gesagt, dass Farbe nicht beschreibt, sondern auslöst und bei mir löst dieses frühe Gelb etwas aus. Etwas, das sich anfühlt wie „hallo, hier bin ich!“. So wie beim Aufwachen. Erst ein Blinzeln, dann gehen die Augen auf und dann schaltet sich der Kopf ein.

Dann kam Grün in meinen Kopf. Aber nicht als Zustand, sondern als Prozess. Grün ist nie fertig. Es kommt in Wellen, in Schichten, in tausend Nuancen, die die deutsche Sprache mit einem einzigen Wort abzuspeisen versucht. Dabei müsste man lauter verschiedene Namen haben: für das Märzmorgengrün, das Bäumetreibenausgrün, das Moosgrünaufaltensteinen, das Laubgrün, das… Alvar Aalto hat tatsächlich Grün nie als Farbe in seine Bauten eingebracht, sondern stattdessen das Grün aus der Umgebung „eingeladen“ und dazu komponiert:  durch Fenster, durch das Licht und eigentlich auch durch die Entscheidung, wo man hinschaut. Grün ist weniger ein Farbton als eine Haltung.

Und dann noch Blau. Das Blau kommt am Ende des März, wenn die Tage länger werden als die Nächte und man das zum ersten Mal wieder spürt, nicht nur weiß. Das Blau vom Himmel an einem Frühlingsnachmittag. Das hat irgendwie was Weites, fast Grenzenloses. Es hört nicht auf. Es öffnet sich. Nennen tun wir es einfach Blau. Oder Himmelblau. Fast ein bisschen wenig Wort für so eine gewaltige Farbe.

Wie auch immer: Drei Farben, drei Bewegungen, drei Worte: Aufwachen. Wachsen. Weite. Was mich an Farbe(n) fasziniert  (und weshalb ich diese Frage überhaupt stelle!) ist, dass Farbe eine der direktesten Formen der Wahrnehmung ist, die wir haben, und gleichzeitig eine der ungenauesten. Niemand sieht dasselbe Gelb. Niemand hat dasselbe Grün im Kopf. Und genau da liegt das Besondere, denn gerade weil wir die  Farben unterschiedlich wahrnehmen, zeigt sich, dass sie Teil unserer Seherfahrungen, Gewohnheiten, unserer Biografie sind…

Welche drei Töne wären denn deine?

Mehr über Grün gibt es auch hier: https://nicoleklemens.blog/2026/04/03/ist-der-fruhling-grun-vor-neid/

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