Mit dem Körper sehen.

Ein Plädoyer für Kaugummi im Museum?

Hast du dich schon mal selbst beim Kunstbetrachten beobachtet?
Darauf geachtet, wie du eigentlich vor Kunst stehst?

Viele von uns bleiben vor einem Werk stehen, leicht auf Abstand, der Oberkörper eher zurückgelehnt. Manchmal verschränken sich die Arme, manchmal liegen die Hände hinter dem Rücken. Diese Haltung begegnet einem im Museum ständig. Warum eigentlich? Ist das eine komische Angewohnheit? Schutz vor uns selbst, damit wir bloß nichts falsch machen und vor allem: nichts anfassen?

Wie auch immer: Unsere Körperhaltung sagt also tatsächlich mehr über unser Sehen aus, als wir oft denken.

Sehen ist keine rein visuelle Angelegenheit. Wahrnehmung entsteht nicht nur im Kopf. Sie entsteht im Zusammenspiel von Körper, Raum und Aufmerksamkeit. Die Forschung spricht hier von Embodied Cognition, verkörpertem Denken. Gemeint ist damit die Erkenntnis, dass unser Körper „mitdenkt“.

Auch (und gerade) beim Betrachten von Kunst: Noch bevor wir was einordnen oder verstehen, hat unser Körper längst entschieden, wie wir schauen.

Wahrnehmung ist verkörpert

Lange Zeit wurde Wahrnehmung vor allem als geistiger Vorgang beschrieben: Das Auge nimmt Informationen auf, das Gehirn verarbeitet sie. In der neueren Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung wird dieses Bild erweitert. Heute geht man davon aus, dass Denken und Wahrnehmen immer auch an den Körper gebunden sind.

Unsere Körperhaltung, unsere Bewegung und unsere Position im Raum beeinflussen, wie wir Eindrücke aufnehmen, wie wir sie ordnen und wie wir sie erinnern. Wahrnehmung entsteht im Zusammenspiel von Körper, Umgebung und Aufmerksamkeit.

Für das Kunstbetrachten heißt das: Der Körper ist kein neutraler Beobachter, sondern ein Mitgestalter des Blicks.

Kunst betrachten ist damit immer auch eine Erfahrung im Raum. Es geht um Nähe und Distanz, um Bewegung und Stillstand, um Spannung und Entspannung. Wie wir vor Kunst stehen, ist Teil dessen, was wir sehen.

Kleine Bewegungen, große Wirkung

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch scheinbar nebensächliche, oft sogar „verbotene“ Körperhandlungen: Kaugummi kauen, kritzeln, mit dem Fuß wippen, die Position wechseln. Das kennt doch jede:r, dass genau diese Dinge in der Schule als Zeichen von Ablenkung oder mangelnder Disziplin zählten und nicht erlaubt waren.

Aus der Perspektive der Embodied Cognition lassen sie sich aber ganz anders lesen: Solche kleinen, rhythmischen Bewegungen können helfen, Aufmerksamkeit zu regulieren. Sie halten das Aktivierungsniveau stabil, bauen innere Spannung ab und unterstützen (zumindest für manche Menschen) die Konzentration. Der Körper bleibt in einer leichten, gleichmäßigen Bewegung, und genau das kann es erleichtern, bei einer Sache zu bleiben, statt innerlich abzuschweifen.

Auch beim Kunstbetrachten zeigt sich dieser Effekt. Wer sich erlaubt, den Stand zu verändern, den Blick wandern zu lassen, einen Schritt vor oder zurückzugehen oder eine kleine Bewegung zuzulassen, bleibt oft länger präsent. Wahrnehmung wird dadurch nicht unruhiger, sondern im Gegenteil differenzierter. (Und ja: Kaugummi kauen kann dazugehören, aus Gründen vielleicht  bitte ohne Blasen.)

Die Beispiele machen deutlich: Beim Denken und Wahrnehmen muss man nicht stillstehen. Im Gegenteil. Oft profitieren wir von kleinen körperlichen Impulsen. Der Körper unterstützt das Sehen und das eben manchmal gerade dann, wenn er sich bewegt.

Wie Haltung den Blick formt

Beim Stehen vor einem Kunstwerk treffen wir unbewusst viele Entscheidungen. Wie nah gehe ich heran? Bleibe ich stehen oder bin ich innerlich schon weiter? Ist mein Körper dem Werk wirklich zugewandt oder nur flüchtig ausgerichtet?

Diese Entscheidungen wirken wie Kameraeinstellungen.

Ein stabiler Stand verlangsamt den Blick.

Ein ruhiger Atem öffnet ihn.

Ein Wechsel von Nähe und Distanz verändert, was sichtbar wird.

Untersuchungen zeigen, dass Kunstwerke im Museum oft nur sehr kurz betrachtet werden. Wer den eigenen Körper also bewusst ausrichtet, verlängert häufig ganz automatisch die Betrachtungszeit und damit auch die Tiefe der Wahrnehmung. Embodied Cognition beschreibt genau diesen Zusammenhang: Wie wir stehen, beeinflusst, wie lange wir bleiben. Und wie lange wir bleiben, beeinflusst, was wir sehen.

Eine Einladung zum bewussteren Sehen

Das Schöne an diesem Ansatz ist seine Einfachheit. Es braucht überhaupt kein Vorwissen, keine Erklärungstexte, keine Vorbereitung. Es genügt, kurz anzuhalten und die eigene Haltung wahrzunehmen:

Stehe ich stabil?

Bin ich dem Werk wirklich zugewandt?

Erlaube ich mir, einen Moment zu bleiben?

(Ist eigentlich auch nichts anderes, als im Gespräch zu sein: Auch hier macht es Sinn, genau diese Dinge zu beachten!) Oft verändert sich der Blick schon durch diese kleine Verschiebung. Man sieht differenzierter, ruhiger, aufmerksamer und das nicht, weil man sich anstrengt, sondern weil der Körper dem Sehen Raum gibt.

Mit dem Körper sehen

Kunst lädt dazu ein, Wahrnehmung neu (oder anders) zu erlernen und kennenzulernen. Nicht schneller, nicht effizienter, sondern bewusster. Mit dem Körper sehen bedeutet, den eigenen Stand ernst zu nehmen und Wahrnehmung als etwas Ganzheitliches zu begreifen.

Vielleicht beginnt genau hier ein anderes Sehen.

Nicht nur im Museum, sondern auch im Alltag.

5 Antworten zu „Mit dem Körper sehen.“

  1. Avatar von Christoph

    Vor alten Gemälden werde ich vom Personal gerne ermahnt. Ich solle gefälligst mehr Abstand einhalten. Möchte doch so gerne immer die Pinselstriche erkennen und erforschen!

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    1. Avatar von nklemens

      Vielleicht hilft ein Opernglas? Abstand und Nähe gleichzeitig!

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      1. Avatar von Christoph

        😃 ich glaub eher dann würden sie mich komplett rauswerfen. Aber danke für die Idee 💡

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      2. Avatar von nklemens

        Ein Versuch wäre es wert 😉

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      3. Avatar von Christoph

        Ich werde berichten 😄

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