Kunst beginnt nach dem ersten Blick

Warum Zeit unsere Wahrnehmung von Kunst verändert

Wie lange, glaubst du, bleiben wir eigentlich vor einem Kunstwerk stehen?
Eine Minute? Zwei? Vielleicht länger, wenn es besonders beeindruckend ist?

Die Forschung zeichnet da tatsächlich ein anderes Bild: Studien aus der Blick- und Wahrnehmungsforschung sowie aus der Museumsforschung zeigen seit Jahren ein erstaunlich konstantes Ergebnis: Viele Museumsbesucher:innen verweilen weniger als 30 Sekunden vor einem einzelnen Werk. Häufig ist es sogar weniger! …nur zehn bis zwanzig Sekunden, bevor der Blick weiterwandert… zum nächsten Bild, zur nächsten Wand, zum nächsten Raum.

Das klingt ernüchternd, ist aber tatsächlich kein Zeichen von Desinteresse. Es sagt vor allem etwas darüber aus, wie unser Sehen funktioniert und unter welchen Bedingungen wir Kunst heute meist erleben.

Unser Gehirn ist darauf spezialisiert, Informationen schnell zu verarbeiten. Merken wir ja alle selbst im Alltag: Informationen prasseln haufenweise auf uns ein. Die Ampel schaltet von grün auf Rot, wir reagieren. Das Fernsehprogramm ist langweilig: umschalten. Oh, was hast du gesagt?

Beim ersten Blick auf ein Kunstwerk setzt also auch ein automatischer Wahrnehmungsprozess ein: Formen, Farben, Kontraste und grobe Kompositionen werden in Sekundenbruchteilen erfasst. Diese erste Phase ist effizient, unbewusst und stark von Gewohnheiten geprägt. Wir erkennen Muster, vergleichen mit Bekanntem, ordnen ein. (Unser Gehirn liebt Sicherheit und will mit diesem Abgleich eigentlich nur feststellen, ob Gefahr droht. Deshalb versucht es, uns in Formen und Farben irgendwie etwas Vertrautes auszumachen, uns in Sicherheit zu wiegen: kein Problem. …da, du erkennst du was! Alles gut.) Noch bevor wir bewusst darüber nachdenken, entsteht also ein Urteil: ansprechend oder nicht, vertraut oder fremd, ruhig oder herausfordernd.

Dieser erste Eindruck fühlt sich oft erstaunlich stabil an. Und genau deshalb bleiben viele nicht länger stehen. Der innere Kommentar scheint abgeschlossen, das Bild „gelesen“. Doch was dabei häufig übersehen wird: Dieser schnelle Blick ist nur die erste Schicht der Wahrnehmung. (Ich vergleiche Kunstwerke ja gerne mit einer Zwiebel und das wäre dann eben die erste Haut. Ist auch prima, kann auch dabei bleiben. Aber: dann fehlen halt die anderen Häute, die anderen Ebenen.)

Denn Wahrnehmung ist kein punktuelles Ereignis. Sie entfaltet sich über Zeit. Nach dieser ersten Erfassung beginnt das Gehirn, tiefer zu arbeiten. Es zieht Erinnerungen heran, verknüpft Gesehenes mit Erfahrungen, Emotionen, Stimmungen. Details treten hervor, die zuvor im Hintergrund lagen. Beziehungen zwischen Bildelementen werden (stärker) sichtbar. Das, was wir als Atmosphäre oder Bedeutung beschreiben, entsteht nicht sofort. Es wächst.

Interessanterweise zeigen Untersuchungen auch: Erst nach etwa ein bis zwei Minuten beginnt sich das Sehen spürbar zu verändern. Der Blick wird langsamer, weniger suchend. Statt „Was ist das?“ tritt die Frage „Was macht das mit mir?“ in den Vordergrund. Das Kunstwerk wird nicht nur betrachtet, sondern erlebt. Und genau hier entsteht oft das Gefühl von Tiefe, das viele Menschen dann mit intensiven Kunsterfahrungen verbinden.

Dabei verändert sich nicht das Kunstwerk selbst (das wäre ja was!), sondern unsere Wahrnehmung davon. Ein Bild, das zunächst kühl wirkte, kann plötzlich fragil erscheinen. Ein scheinbar ruhiges Werk beginnt Spannung zu entwickeln. Farben kippen, Formen verschieben sich im inneren Erleben. Wahrnehmung ist kein fixer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der Zeit braucht, um sich zu entfalten. (Das ist wieder das mit der Zwiebel: erste Schicht ist ok, aber darunter liegt eben noch viiiiiiel mehr!)

Museen sind allerdings häufig nicht unbedingt die Orte, die diese Zeit selbstverständlich zur Verfügung stellen. Große Ausstellungen, dichte Hängungen, lange Wege, volle Räume – you name it – all das fördert ein zügiges Weitergehen. Hinzu kommt die Erwartung, möglichst „viel“ zu sehen. Möglichst viele Werke, möglichst viele Räume, möglichst vollständig. (Hat ja auch alles Geld gekostet!) Der Museumsbesuch wird so schnell zu einer Abfolge kurzer Blicke statt zu einer Reihe vertiefter Begegnungen.

Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis im Umgang mit Kunst. Denn Kunst erschließt sich nicht primär durch Geschwindigkeit oder Vollständigkeit. Sie braucht kein Abarbeiten. Sie braucht Präsenz.

Aber: um trotzdem „alles“ gesehen zu haben, hier ein Tipp. Wie wäre es denn mit zwei Runden? Erst einmal eine, um die Räume wahrzunehmen, zu gucken, was es alles gibt. Überblick verschaffen. Sozusagen „Speed Dating“ mit der Kunst. Und dann, zweite Runde. Jetzt genauer hinschauen. Aber eben nur noch bei ausgewählten Werken. Vielleicht die, die am Anfang gleich aufgefallen sind – positiv oder negativ (gerade letzteres kann sehr spannend sein!). Und wenn das eben nur 3, 4 sind, prima! Zeit lassen, genauer hinschauen, wirken lassen. In den Dialog treten (ja, mit dem Kunstwerk). Ich weiß, das geht nicht immer und überall, aber einen Versuch wäre es ja wert, oder? Oooooder (ganz verrückte Idee): man kommt nochmal wieder! Kann nämlich sein, das an einem anderen Tag der Kaffee besser geschmeckt hat, die Laune eine andere ist und damit auch ganz andere Werke in den persönlichen Vordergrund treten… (Auch da weiß ich natürlich, dass das nicht immer und überall möglich ist.)

Also: Statt immer mehr Informationen aufzunehmen, könnte es beim Kunstbetrachten manchmal (auch) um etwas anderes gehen: um Zeit als Ressource. Zeit, um den eigenen Blick wahrzunehmen. Zeit, um automatische Bewertungen zu unterbrechen. Zeit, um nicht sofort zu wissen, was man sieht und das dann auch noch auszuhalten.

In diesem Sinne ist Kunstbetrachtung dann weniger ein Akt des Erklärens als ein Prozess des Verweilens. Man muss nicht alles verstehen. Ehrlich. Manche Werke entfalten ihre Kraft gerade dann, wenn wir ihnen erlauben, langsam zu wirken und uns selbst dabei zu beobachten.

Vielleicht ist das eine der stillsten Qualitäten von Kunst im Museum: Sie bietet einen Raum, in dem Zeit nicht optimiert werden muss. Einen Raum, in dem sich Wahrnehmung ausdehnen darf. Und in dem ein Bild, je länger wir bleiben, etwas anderes zurückgibt als beim ersten Blick. Oder beim zweiten…

6 Antworten zu „Kunst beginnt nach dem ersten Blick“

  1. Avatar von dreamily94ef67acfd
    dreamily94ef67acfd

    Ich will es beim nächsten Besuch versuchen, vermutlich wird es mir nicht leicht fallen

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    1. Avatar von nklemens

      …einfach mal ausprobieren, vielleicht macht’s ja Spaß!

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  2. Avatar von Christoph

    Schöner Artikel! Da muss ich mich einmal selbst beobachten beim nächsten Besuch.

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    1. Avatar von nklemens

      Danke! Und: viel Spaß beim nächsten Mal 😉

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      1. Avatar von Thomas
        Thomas

        Das letzte Gemälde, das mich sehr ansprach und räumlich festhielt, war Leonardos Dame mit dem Hermelin in Krakau. Da saß ich sehr lange davor und ließ es auf mich wirken. Eine wundervolle Erfahrung. Leider gibt es in Ausstellungen nicht überall gute Sitz- und Beobachtungsmöglichkeiten.

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      2. Avatar von nklemens

        oh, das stimmt – Sitzgelegenheiten sind nicht immer da. Manche Museen haben aber tragbare Stühle, die man leihen kann und dann kann man ganz entspannt schauen!

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