Ein Besuch im Palazzo Maffei, Verona
Es gibt Museen, in denen du weißt, was als nächstes kommt. Romanik, Gotik, Renaissance, Barock: die Wände erzählen eine Geschichte, die du irgendwie schon kennst. Du gehst durch, nickst innerlich, vielleicht hörst du den Audioguide, vielleicht nicht. Man schaltet irgendwie auf Autopilot.
Und dann gibt es den Palazzo Maffei in Verona.
Ein Haus, das sich weigert, chronologisch zu sein
Der Palazzo selbst ist ein Bau aus dem 17. Jahrhundert, direkt an der Piazza delle Erbe einer dieser schönen Plätze Italiens, umrahmt von Markttreiben, mittelalterlichen Türmen, dem Lärm von Touristen und Einheimischen, die seit Jahrhunderten denselben Platz teilen. Das Haus gehört hier zur Stadtlandschaft ganz selbstverständlich dazu.
Im Gebäude aber passiert etwas ganz anderes.
Die Sammlung, die der Unternehmer Luigi Carlon über Jahrzehnte zusammengetragen hat, ist nicht chronologisch gehängt. Kein roter Faden, keine Epoche nach der anderen, kein Schild das erklärt: hier beginnt die Moderne. Stattdessen: ein barocker Christus neben einem Picasso. Ein mittelalterliches Relief neben einem Dalí. Eine antike Büste neben einem Miró. Gegenstände und Bilder aus zweieinhalbtausend Jahren Kunstgeschichte, arrangiert nach einer anderen Logik. Nach Resonanz, nach Spannung, nach dem, was entsteht, wenn zwei Dinge aus völlig verschiedenen Zeiten plötzlich nebeneinander stehen.
Das irritiert. Kurz.
Was passiert, wenn das Auge stolpert
Ich kenne diesen Moment aus meinen eigenen Führungen nur zu gut. Der Moment, in dem jemand vor einem Werk steht und nicht sofort einordnen kann, was er sieht. Keine Epoche, kein bekannter Name, kein vertrautes Motiv. Das Gehirn sucht eine Schublade und findet keine.
Für die meisten Menschen ist das zunächst unangenehm. Wir sind trainiert auf Wiedererkennung. Museen haben das über Jahrzehnte so eingerichtet: Kontexttafeln, Epochenschilder, Audioguides, die erklären, bevor wir überhaupt geschaut haben. Das Wissen kommt vor dem Sehen.
Was der Palazzo Maffei macht, ist das Gegenteil davon. Er entzieht dem Blick diese Krücke. Und genau in diesem Moment (wenn das Auge zusammen mit dem Gehirn) keine Schublade findet) muss es das Werk wirklich sehen. Es kann nicht auf Vorwissen zurückgreifen. Es muss neu anfangen.
Die Störung ist die Methode.
Beziehung statt Chronologie
Dabei steckt hinter dieser kuratorischen Entscheidung eine These, die ich für grundlegend halte: Kunst entfaltet sich nicht in Timelines, sondern in Beziehungen.
Was ein Werk bedeutet, was es auslöst, was es uns zeigt, das hängt nicht nur davon ab, wann es entstanden ist. Es hängt davon ab, was daneben hängt. Mit wem es ins Gespräch tritt. Welche Frage das eine Werk dem anderen stellt. Ein mittelalterliches Relief neben einem Dalí ist kein kuratorischer Fehler, sondern eine Einladung, beide neu zu sehen. Was haben sie gemeinsam? Wo reiben sie sich? Was sieht man im einen, das man ohne das andere nie bemerkt hätte?
Das ist tatsächlich keine komplett neue Idee. Aby Warburg hat mit seinem Mnemosyne-Atlas genau das versucht: Bilder aus verschiedenen Zeiten und Kontexten nebeneinanderstellen, um Beziehungen sichtbar zu machen, die die Kunstgeschichte mit ihrer Chronologie unsichtbar macht. Warburg nannte das die Wanderung von Bildformeln: die Idee, dass bestimmte Gesten, Haltungen, Formen durch die Jahrhunderte wandern, auftauchen, verschwinden, wiederkehren. Nicht linear, sondern vernetzt.
Der Palazzo Maffei macht etwas Ähnliches. Zwar hier nicht als wissenschaftliches Projekt, aber als sinnliches Angebot.
Slow Looking als Konsequenz
Was dabei entsteht (fast zwangsläufig) ist Slow Looking.
Nicht weil ein Schild es verlangt. Nicht weil der Audioguide sagt: nehmen Sie sich Zeit. Gehen Sie langsam. Sehen Sie langsam. Sondern weil das Haus so arrangiert ist, dass Schnelligkeit nicht funktioniert. Wer durchrennt, versteht nichts. Wer stehen bleibt, fängt an, zu sehen. Wahrzunehmen.
Ich erlebe das immer wieder in meiner Arbeit: Die produktivsten Momente in einer Führung sind selten die der Wiedererkennung. Sie sind die der Verwirrung. Der Moment, in dem jemand sagt: das verstehe ich nicht. Oder: das gefällt mir nicht, aber ich kann nicht aufhören, es anzuschauen. Da öffnet sich etwas. Da beginnt echtes Sehen.
Der Palazzo Maffei hat diese Erfahrung zu einem Prinzip gemacht. Und das finde ich (nach all den chronologisch gehängten, gut beschrifteten, ordentlich gegliederten Ausstellungen, die ich in meinem Leben gesehen habe) ziemlich mutig.
Eine Frage zum Schluss
Chronologische Hängung hat natürlich absolut ihre Berechtigung. Sie gibt Orientierung, vermittelt Zusammenhänge, erzählt Geschichte. Daran zweifle ich überhaupt nicht.
Aber vielleicht ist sie auch eine Bequemlichkeit? …für Museen, für Besucher:innen, für alle Beteiligten. Eine Art, das Sehen zu verwalten, statt es zu riskieren.
Was wäre, wenn wir Kunst öfter in Beziehung denken würden statt in Timelines? Nicht als Chaos, sondern als kuratorische Entscheidung: Welche Werke sprechen miteinander? Was entsteht, wenn zwei Dinge aus verschiedenen Zeiten plötzlich nebeneinanderstehen?
Ich glaube, wir würden mehr sehen…







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