Was siehst du, wenn du deine Augen schließt?

Ich war am Wochenende in der Hamburger Kunsthalle, in der Ausstellung „Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss“ (tolle Ausstellung, lohnt sich! Ist noch bis 30.8.2026 zu sehen) In einem der Räume war ein Saaltext mit dem Titel „Inneres Sehen. Innere Version“ und darin ein Satz, der mich bis jetzt echt beschäftigt:

Was sehen wir mit geschlossenen Augen?

Ist doch was zum Nachdenken, oder? Also ich habe mir die Frage tatsächlich noch nicht gestellt. Nicht ernsthaft jedenfalls. Nicht mit wirklicher Aufmerksamkeit.

Aber: Wir sprechen ja ständig darüber, wie Dinge aussehen. Über Farben, Formen, Räume, Bilder. Aber fast nie darüber, was passiert, wenn das Äußere verschwindet. Wenn kein Bild mehr „da draußen“ ist und trotzdem manche Menschen weitersehen.

Test. Mach mal kurz die Augen zu. Nein, wirklich. Kurz. Vielleicht zwanzig, dreißig Sekunden.

Was passiert?

Manche sehen Farben oder ein leichtes Flimmern. Nachbilder der Lampe über ihnen. Manche sehen Gesichter, Orte, kurze Szenen, wie Filmschnipsel. Manche sehen nur Dunkelheit. Und manche sehen tatsächlich einfach gar nichts.

Hä, da gibt es wirklich einen Unterschied? Ja, gibt es! Ich sehe wirklich echte Bilder, also Gegenstände, wie sie im realen Leben erscheinen. Und du?

…allein das verändert schon die Vorstellung davon, wie Wahrnehmung funktioniert!

Das innere Auge

Hast du jemandem schon einmal gefragt, ob er oder sie beim Lesen Bilder sieht?

Die meisten gehen davon aus, dass andere Menschen ungefähr so wahrnehmen wie sie selbst. Dass inneres Sehen universal ist. Ist es aber nicht. (Spoiler: und alles ist ok, man muss nicht auf eine bestimmte Weise sehen! Da gibt es kein richtig oder falsch!)

Die Wissenschaft kennt einen Begriff für Menschen, die keine inneren Bilder erzeugen können: Aphantasie. Sie denken an einen Apfel, aber vor ihrem inneren Auge erscheint kein Apfel. Kein Rot, keine Form, kein Schatten. Das bedeutet nicht, dass ihnen Fantasie fehlt oder dass sie weniger kreativ wären. Sie denken nur anders.

Das Ganze existiert auf einem Spektrum. Am einen Ende völlige Bildlosigkeit. Am anderen die sogenannte Hyperphantasie, also innere Bilder, die so lebendig sind, dass sie beinahe mit echter Wahrnehmung konkurrieren. Gesichter, die körperlich präsent wirken. Räume, die sich entfalten wie Bühnenbilder.

Viele Menschen merken jahrzehntelang nicht, dass ihre Art zu denken nicht universell ist. (Wie denn auch, wenn man nicht mal jemand anderen fragt, wie er oder sie sieht…)

Das, was wir für selbstverständlich halten, existiert für andere möglicherweise überhaupt nicht.

Vielleicht erklärt das auch, warum Menschen so unterschiedlich auf Kunst reagieren?

Maria Lassnig und der Versuch, das Unsichtbare festzuhalten

Maria Lassnig hat sich genau mit dieser Grenze beschäftigt. Mit dem, was auftaucht, bevor Sprache einsetzt. Mit dem, was wir empfinden, noch bevor wir es erklären können.

In ihrer Werkgruppe Untersuchungen zum Entstehen eines Bewusstseinsbildes versuchte sie über Jahre, innere Erscheinungen sichtbar zu machen. Bilder hinter den geschlossenen Augen. Empfindungen. Flüchtige Zustände zwischen Körper und Bild.

Die Schwierigkeit daran ist fast paradox: Um diese inneren Bilder malen zu können, musste sie die Augen öffnen. Und in dem Moment waren sie dann auch schon wieder weg.

Lassnig beschreibt 1981 genau dieses Problem: wie flüchtig die Erscheinungen sind und wie sie sich beim Versuch, sie festzuhalten, sofort auflösen. Je genauer man hinschaut, desto instabiler wird das Bild.

Vielleicht kennst du diesen Moment auch aus dem Museum. Nicht vom selber Malen, sondern vom Schauen. Den Moment, in dem man aufhört, wirklich zu sehen, und anfängt, das Gesehene sofort zu benennen. „Ah, ein Porträt.“ „Impressionismus.“ „Blau.“ „Kenn ich.“

Und plötzlich ist was vorbei.

Das unmittelbare Erleben wird ersetzt durch Einordnung und Sprache. Manchmal schiebt sich das Verstehen so schnell vor die Wahrnehmung, dass wir den eigentlichen Moment gar nicht mehr zu fassen bekommen. Vielleicht interessiert mich deshalb Slow Looking so sehr: weil es versucht, diesen winzigen Zwischenraum wieder aufzumachen.

Munch und der blinde Fleck

Edvard Munch ging diese Frage nach innerem Sehen von einer ganz anderen Seite an, allerdings eher unfreiwillig und tatsächlich sehr existenziell.

1930 erlitt er eine Blutung im rechten Auge und litt danach unter massiven Sehstörungen und der Angst zu erblinden. Was er in seinem Sichtfeld wahrnahm, irritierte und verfolgte ihn gleichzeitig: dunkle Flecken, konzentrische Kreise, bewegliche Erscheinungen.

Und was hat Munch gemacht? Genau! Er zeichnete sie. Immer wieder.

In manchen Zeichnungen erscheinen die Störungen wie farbige Kreise. In anderen wie dunkle Vögel, die im Lauf der Genesung dann die Flügel ausbreiteten und davonflogen. Manchmal erinnern sie an Schädel oder schattenhafte Wesen.

Was mich daran berührt, ist (neben der Dramatik der Krankheit) die Haltung: dieses fast unerbittliche Hinschauen. Auch dann, wenn das, was man sieht, Angst macht.

Munch verwandelte den eigenen Sehverlust in Bilder. Er brachte das Innere nach außen, aber eben nicht, um es zu erklären, sondern um es überhaupt sichtbar zu machen.

Das Nachbild: Wahrnehmung als Konstruktion

Eigentlich erleben wir solche inneren Bilder ständig, aber wir nennen sie meistens nicht so.

Nochmal ein kleines Experiment: Starre mal dreißig Sekunden lang auf eine helle Fläche oder ein intensiv farbiges Bild (Bildschirmblau geht auch). Und schau dann mal auf eine weiße Wand.

Da erscheint plötzlich ein zweites Bild. Flüchtig. Fast geisterhaft. Manchmal auch länger. Rot wird Grün. Blau wird Orange.

Das Bild existiert nicht außerhalb von dir. Es ist keine Eigenschaft der Wand. Es entsteht in deinem eigenen Wahrnehmungssystem und ist eine Reaktion, die dein Gehirn produziert.

Was Lassnig minutiös beobachtet hat, passiert uns täglich. Nach jedem langen Blick auf einen Bildschirm. Wir nennen es nur nicht so!

Was das mit Kunst zu tun hat

Wenn ich Führungen mache, stelle ich manchmal eine Frage, die viele irritiert: Was siehst du, bevor du weißt, was es ist? Also das, was alle sehen, was nicht interpretiert und erkannt ist, sondern einfach nur gesehen.

Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn wir sind trainiert, sofort einzuordnen. Wir erkennen, benennen und bewerten in Sekundenbruchteilen. Das ist unglaublich effizient, aber manchmal verhindert genau diese Geschwindigkeit eine tiefere Wahrnehmung.

Kunst kann ein Ort sein, an dem diese Geschwindigkeit kurz aussetzt. Ein Moment, in dem wir nicht sofort „wissen“ müssen.

Lassnig und Munch interessieren mich deshalb nicht nur als Künstlerpersönlichkeiten. Sondern weil beide was sichtbar machen wollten, das nicht sichtbar ist. Nicht das fertige Bild. Sondern den Vorgang des Sehens selbst.

Und vielleicht ist das tatsächlich eine der aufregendsten Fähigkeiten von Kunst: Dass sie uns nicht nur etwas über die Welt erzählt, sondern darüber, wie wir überhaupt wahrnehmen, wie subjektiv Sehen ist, wie körperlich, wie fragil und wie unterschiedlich.

Und wie viel in uns passiert, bevor wir überhaupt anfangen (können), darüber zu sprechen.

Und du?

Wenn du die Augen zumachst, was erscheint dann?

Farben? Rauschen? Gesichter? Oder nichts?

Und wenn du das nächste Mal in einer Ausstellung bist: Bleib mal eine Minute vor einem Bild stehen, bevor du irgendwas darüber liest. Nicht sofort das Schild. Nicht sofort einordnen.

Einfach schauen. Blinzeln. Nochmal schauen.

Was siehst du, bevor du weißt, was du siehst?


Wer in Führungen, Workshops oder auf Reisen tiefer in das Thema Wahrnehmung einsteigen will: nicoleklemens.de

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