Die Geschichte entsteht bei uns.

So ist es bei Gemälden. Bei Skulpturen. Wir treten davor, und etwas passiert. Nicht im Werk, sondern irgendwie irgendwo in uns. Eine Erinnerung taucht auf. Ein Gefühl. Vielleicht auch ein Geruch. Etwas, das wir gar nicht sofort benennen können.

Dasselbe gilt auch für Räume. Für Architektur. Für die Stille einer Kirche, die Enge eines alten Treppenhauses, das Licht in einem Raum. Der Boden knarzt, die Türen quietschen, durch das Fenster pfeift der Wind. Bei älteren Häusern kennt man das Gefühl, es ist, als würde das Haus leben. Dabei sind es (rational gesehen) „nur“ Geräusche. „Nur“ Vibrationen. Eben etwas, das unsere Wahrnehmung anstupst und (ob wir wollen oder nicht) etwas in uns hervorruft.

Pierre Huyghe arbeitet in seiner aktuellen Ausstellung in der Fondation Beyeler genau mit diesem Mechanismus. Sein Werk Apnea ist ein Atem im menschlichen Rhythmus. Luft dringt durch Löcher in den Wänden, Glasscheiben verändern ihren Zustand, als würde der Atem sie beschlagen und wieder klar werden lassen. Der Raum reagiert. Auf sich selbst. Auf die Anwesenden. Auf etwas.

Und irgendwie hört man auf, die Ausstellung zu sehen oder auch zu betrachten. Man fängt an, sie wahrzunehmen. (ja, das ist was anderes: Sehen ist passiv. Das Auge nimmt auf, was da ist. Betrachten dagegen ist aktiv, hierbei richtet man die Aufmerksamkeit bewusst aus, man wählt aus. Wahrnehmen ist was anderes. Wahrnehmen bedeutet, dass der ganze Körper beteiligt ist. Dass etwas ankommt, und zwar nicht nur auf der Netzhaut, sondern irgendwo tiefer. Dass man nicht nur „registriert“, sondern berührt wird.)

Zurück zu den Räumen: die nehmen wir nämlich mit dem ganzen Körper wahr. Die Umweltpsychologie (ein Forschungsfeld, das sich seit den 1970er Jahren mit der Wirkung von Räumen auf das menschliche Erleben beschäftigt) hat dafür eine Menge Belege gesammelt und sie haben auch viel herausgefunden! Raumhöhe beeinflusst beispielsweise nachweislich das Denken: Hohe Decken fördern abstraktes, assoziatives Denken, niedrige Decken konzentriertes, detailorientiertes Arbeiten. Wir denken buchstäblich anders, je nachdem wo wir stehen.

Licht spielt eine mindestens genauso große Rolle. Helles, kühles Licht aktiviert uns, weil es dem Gehirn signalisiert: He, es ist Tag, sei wach und aufmerksam! Warmes, gedämpftes Licht dagegen beruhigt (logisch, oder?). Das ist dann auch wirklich keine Frage des Geschmacks, sondern der Biologie: unser Nervensystem reagiert auf Lichtqualität, lange bevor wir bewusst wahrnehmen, dass sich was verändert. Deshalb fühlen wir uns beispielsweise in Kirchen mit ihrem gedämpften, farbigen Licht auch oft so aus dem Alltag herausgehoben. Nicht unbedingt, weil wir religiös sind. Sondern weil das Licht den Körper in einen anderen Zustand versetzt.

Und dann ist da natürlich noch die Farbe. Blau senkt nachweislich den Blutdruck und verlangsamt den Herzschlag, deshalb wird es in Krankenhäusern und Meditationsräumen so häufig eingesetzt. Rot dagegen beschleunigt ihn (ja, auch das messbar). Grün aktiviert im Gehirn Assoziationen mit Natur und Sicherheit, ein tief verwurzelter Reflex. Wald. …und so weiter… Ich geh jetzt nicht alle Farben durch, ich glaube, das Prinzip ist klar. Und insgesamt klingt das nach einer einfachen Liste. Ist es aber nicht. Denn welche Farbe tatsächlich Ruhe bringt, ist dann doch wieder erstaunlich individuell. Kulturell geprägt: in westlichen Kulturen steht Weiß für Reinheit, in Teilen Asiens für Trauer. Biografisch aufgeladen: ein Grün, das mich meine Kindheit erinnert, kann mich beruhigen. Dasselbe Grün kann jemand anderen vielleicht an was Negatives erinnern.

Das ist dann auch eigentlich der Kern: Räume wirken eben auch nicht objektiv. Sie wirken durch uns. Durch unsere Geschichte, unsere Ideen, unsere Erfahrungen und Erinnerungen. Der Raum bietet quasi das Material an. Und was daraus wird, das entscheiden dann wir. Ohne es zu merken. In Bruchteilen von Sekunden, mit dem ganzen Körper.

Das macht Architektur auch zu was Seltsam-Intimem. Ein Gebäude, das Millionen Menschen kennen (vielleicht die Sagrada Família, das Pantheon, ein simples Backsteinhaus in einer norddeutschen Kleinstadt) wird von jedem anders gesehen. (Um bei den Räumen zu bleiben: jeder zieht auf eine andere Weise da ein). Nicht weil die Räume verschieden sind. Sondern weil wir es sind.

Huyghe übersetzt das in eine Ausstellung, die diesen Prozess nicht illustriert oder anschaulich macht, sondern auslöst. Man steht in einem Raum, der atmet, und bemerkt irgendwann vielleicht, dass man selbst anders atmet. Langsamer? Aufmerksamer? Als ob der Raum einen kurz daran erinnert hätte, dass man einen Körper hat. Und atmet…

Könnten wir ja öfter mal darauf achten, nicht nur in Ausstellungen, sondern in jedem Raum, den wir betreten und dessen Geschichte wir letztlich erzählen…

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