Über Perspektivwechsel, Reisen und Bücher
Manchmal bitte ich die Teilnehmenden bei meinen Ausstellungsrundgängen ein Kunstwerk einfach mal aus einer anderen Richtung zu betrachten. Vielleicht mal einen Schritt zur Seite zu gehen. Den Kopf schräg zu halten. Vielleicht auch mal von etwas weiter weg zu schauen. Oder mal durch die Beine hindurch das Kunstwerke quasi auf dem Kopf stehend anzuschauen… Wenn eine:r anfängt, machen meistens alle mit, auch wenn es vielleicht erstmal ungewohnt ist und für Außenstehende vielleicht auch komisch aussehen mag. Aber oft verändert sich durch dieses Bewegen was: Eine Linie sticht raus, die vorher niemand bemerkt hat. Eine Farbe übernimmt plötzlich die Hauptrolle. Die Figur in der Mitte ist gar nicht mehr das Spannendste im Bild. Formen erscheinen anders…
Diese kleine Übung ist eigentlich sehr spielerisch, aber dahinter steckt (im wahrsten Sinne des Wortes) eine ganz neue Perspektive bzw. Frage: Wie viel von dem, was wir sehen, liegt eigentlich tatsächlich vor uns und wie viel bringen wir selbst mit? Natürlich erkennen wirBekanntes wieder, sortieren, ergänzen und urteilen. Das müssen wir auch, sonst kämen wir kaum durch den Tag. Aber: wenn wir diese „Erkenntnis“ für die einzig mögliche Sichtweise halten, schränken wir uns tatsächlich selbst ein!
Im Museum reichen dafür manchmal Sekunden. „Das ist ein Porträt.“ „Das ist abstrakt.“ „Das gefällt mir nicht.“ Mit solchen Sätzen sind wir erstaunlich schnell. …gehe ich noch mal hin, tauchen andere Fragen auf. Warum steht diese Person am Rand? Was geschieht außerhalb des Bildes? Was habe ich beim ersten Mal übersehen, weil ich eben gedacht habe, ich weiß schon worum es geht?
Auch die Umgebung schaut ja irgendwie mit. Eine Untersuchung im Wiener Belvedere hat die Wahrnehmung von Werken vor und nach einer neuen Hängung verglichen: Nach der Umgestaltung betrachteten Besucher:innen die Bilder im Durchschnitt länger, lasen die Beschriftungen länger, setzten sich also auch tatsächlich intensiver mit ihnen auseinander. Das ist natürlich keine wissenschaftliche Anleitung zum „Kopfverrenken“, aber spannend ist natürlich daran, dass Wahrnehmung nie ganz losgelöst davon stattfindet, wo wir stehen und was uns umgibt.
Manchmal hilft es, woanders zu sein
„Aufenthalt in fremdem Land mehrt und kräftigt den Verstand.“ Ein schöner Satz, finde ich und mehr als: man muss nur verreisen und kommt (automatisch) klüger zurück. (Vielleicht setzt man da ein Fragezeichen hinter?)
Natürlich kann eine Reise unseren Blick verändern. Wir müssen uns an neuen Orten erst neu orientieren. Wir merken, dass ein Platz anders genutzt wird, als wir es gewohnt sind, dass man sich in einem Museum anders bewegt oder dass ein Gebäude von einer Geschichte erzählt, die in unseren vertrauten Erzählungen kaum vorkommt. Der Vergleich läuft im Kopf oft schon mit, bevor wir ihn bewusst bemerken: Bei uns wäre das anders. Aber warum eigentlich?
Und da wird’s spannend (finde ich): Das Neue ist ja nicht bloß eine Sammlung hübscher Unterschiede, sondern kann auch die eigenen „Gewissheiten“ überhaupt erst sichtbar machen. Was habe ich bisher für selbstverständlich gehalten, nur weil ich es so kenne? Und welche Erwartungen bringe ich an einen Ort mit, noch bevor ich dort ankomme?
Denn man kann ja auch sehr weit fahren und sich doch nur bestätigen lassen. Ist einfach. Wer überall das Vertraute sucht, findet es meist auch.
Ein Perspektivwechsel beginnt dann eher dort, wo etwas nicht in die eigene Schublade passt und wir die Schublade nicht sofort größer machen, sondern einen Moment bei und in der Irritation bleiben.
Forschende haben da übrigens einen Zusammenhang zwischen längeren Auslandserfahrungen und Leistungen bei bestimmten Kreativitätsaufgaben herausgefunden. Eine wichtige Rolle spielte dabei, wie Menschen sich mit anderen kulturellen Sichtweisen auseinandersetzten. Das lässt sich (natürlich) nicht einfach (nur) auf eine kurze Reise übertragen. Interessanter als die Behauptung „Reisen macht kreativ“ finde ich sowieso die Frage, was wir unterwegs tun: Beobachten wir nur? Oder lassen wir zu, dass eine fremde Sichtweise unsere eigene herausfordert? …uns vielleicht sogar überzeugt?
Und manchmal reicht ein Buch
Für eine solche Begegnung (oder Herausforderung) müssen wir nicht unbedingt wegfahren. Ein Buch schafft es auch, uns für eine Weile aus unserer gewohnten Ordnung zu holen.
Ein Roman zum Beispiel lässt uns bei einer Figur bleiben, deren Entscheidungen wir selbst vielleicht nie so getroffen hätten. Ein Essay legt den Finger auf eine Annahme, die uns bisher ganz vernünftig erschien. Ein Buch über Kunst oder Architektur verändert möglicherweise nicht unsere Meinung, aber die Fragen, mit denen wir am nächsten Tag durch eine Straße, unseren Alltag gehen. Wir sehen ein Detail, an dem wir jahrelang vorbeigelaufen sind, und wollen dann doch wissen, warum es da ist und warum genau da.
Das ist eine andere Art des Unterwegsseins. Auf Reisen begegnet uns vieles gleichzeitig und ungefragt. Beim Lesen können wir zurückblättern, einen Satz noch einmal lesen, widersprechen, das Buch beiseitelegen. Und trotzdem haben wir nicht alles unter Kontrolle. Manchmal bleibt dann doch gerade die Stelle hängen, die uns eigentlich gestört hat…
Wie eine Geschichte erzählt wird, beeinflusst auch, wie wir sie erleben. In einer Untersuchung fühlten sich Leser:innen bei Erzählungen in der Ich-Form stärker in die Geschichte hineingezogen als bei vergleichbaren Texten in der dritten Person. Das bedeutet nicht, dass jedes Buch uns zu verständnisvolleren Menschen macht (ach, wäre das schön!).
Lesen eröffnet uns die Möglichkeit, eine andere Perspektive probeweise mitzudenken. Ob wir sie nutzen, entscheiden wir dann selbst.
Vielleicht ist genau da die Verwandtschaft von Büchern und Reisen: Beide können uns was zeigen, das sich nicht sofort in unsere bisherigen Vorstellungen einfügt. Wir dürfen neugierig sein, ohne gleich zu behaupten, wir hätten einen Ort oder einen Menschen verstanden (das wäre ja was).
Wieder zurück – und nun?
Nicht jede Reise verändert gleich ein ganzes Leben. Nicht jedes Buch stellt ein Weltbild auf den Kopf. Und ein ungewohnter Blickwinkel macht uns noch nicht automatisch offen für alles. Ich glaube auch nicht, dass wir nach jeder Erfahrung eine („die“) Erkenntnis vorweisen müssen…
Oft ist der Ertrag, das Ergebnis, der Output kleiner (oder vielleicht auch gar nicht da) und gerade deshalb brauchbar(er). Eine neue Frage. Ein Vergleich, der sich aufdrängt. Ein Widerspruch, den wir noch nicht auflösen können. Eine Idee, die beim Lesen auftaucht und Monate später an einem ganz anderen Ort wiederkehrt. So erweitert sich nach und nach unser Vorrat an Möglichkeiten, etwas zu betrachten.
Vielleicht ist es das, was dieser Satz mit dem „gekräftigten Verstand“ für mich heute bedeutet. Nicht möglichst viele Länder oder Bücher abzuhaken. Sondern hin und wieder festzustellen, wo die eigene Sicht endet. …und da dann aber nicht gleich Schluss zu machen.
Im Museum hängt das Bild nach dem kleinen Versuch vom Anfang immer noch an derselben Wand. Wir stehen wieder aufrecht davor. Aber die Linie, die Form, die wir eben entdeckt haben, verschwindet jetzt nicht mehr einfach. Wir können sie nicht mehr „ungesehen“ machen… Was wir aber damit anfangen, ob wir dieses „Neue“ weiterspinnen oder auch nutzen, das bleibt uns überlassen!





![KunstGeschichte[n]: Der Grand Palais in Paris](https://nicoleklemens.blog/wp-content/uploads/2026/08/img_1133.jpg?w=1024)

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