Vom Herkules zur documenta: Wie unsere Zeit den Blick auf Kunst verändert

Hoch über der Stadt Kassel in Hessen thront eine 8,30m große Plastik aus getriebenem Kupferplatten, die zwischen 1713 und 1717 im Auftrag von Johann Jakob Anthoni geschaffen wurde. Sie stellt Herkules dar. Von unten oder aus der Ferne ist er vor allem eine Silhouette gegen den Himmel, die Gestalt selbst ist nur schwer erkennbar. Sieht man ihn von Nahem oder auf Postkarten, Bildern, als Miniatur… erkennt man seine Muskeln, seine Haltung und (jupp) seine Nacktheit.

Wobei die Nacktkeit anscheint nicht alle zu allen Zeiten gleich beschäftigt zu haben scheint oder beschäftig. Bei einem antiken Helden ist das ja irgendwie ok. Der darf in all seiner klassischen Schönheit, seine Muskeln und alles, was ihn als männlichen Helden auszeichnet, zur Schau stellen. Wer würde Herkules denn schon einen Mantel anziehen wollen?

Trotzdem (oder gerade deshalb) muss man sich aber auch fragen: Warum steht eigentlich ausgerechnet dieser Körper für Stärke? Wann gilt ein nackter (menschlicher) Körper als mächtig, wann als verletzlich, wann als schön, …? Und wer entscheidet das?

Ich war vor Kurzem mal wieder in Kassel. Ich bin da geboren und habe lange in der Region gelebt, kenne also einiges und manches doch wieder nicht. Und anderes wirft eben erst mit ein bisschen Abstand Fragen auf.

Ein Körper, der Macht zeigen sollte

Herkules steht ja nicht zufällig da auf diesem höchsten Punkt des Bergparks. Landgraf Carl ließ den antiken Helden als weithin sichtbares Zeichen seiner eigenen Herrschaft errichten, darunter eine Anlage aus Park, Grotten, Kaskaden und Wasserspielen, die sich den gesamten Hang hinunter bis zum Schloss, eigentlich sogar bis in die Stadt, ausbreitet. Wer damals dort stand, sollte nicht einfach die hübsche Aussicht genießen. Hier wurde vorgeführt, was fürstliche Macht alles konnte: einen ganzen Berg gestalten zum Beispiel, oder Wasser in Bewegung setzen. Und eben einen riesigen Helden (dessen Geschichte außerdem zeigt, zu was er alles fähig war) über allem thronen lassen.

Die Nacktheit gehört hier natürlich zur Bildsprache. Herkules braucht keine Uniform oder eine Krone, damit wir seine Stärke erkennen. Die Muskeln sprechen für sich. Und die Pose. Er versteckt nichts, er ist sich seiner selbst seeeeeeehr bewusst. Der Körper wird zum sichtbaren Zeichen seiner Eigenschaften, die der Landgraf natürlich für sich übernimmt!

Heute erkennen wir das und sehen auch das Spiel „dahinter“. Vielleicht fällt uns auf, wie selbstverständlich ein männlicher (!) Körper hier den Raum einnimmt. Wie anders wäre das wohl, wenn da oben der nackte Körper einer Frau auf dem Sockel stehen würde? Oder das Bild von Stärke, das vor mehr als 300 Jahren ziemlich überzeugend war… Sehen wir heute vielleicht auch anders…

Das heißt natürlich nicht, dass wir den Menschen des frühen 18. Jhds. Unsere Fragen unterschieben sollten. Herkules wurde ja nicht dahin gestellt, um heutige Körperbilder zu verhandeln. ABER. Er steht noch da. Und wir eben heute vor ihm. Ein Kunstwerk bring seine Entstehungszeit, Zeitgeschichte, sozialen Umstände, … mit. Wir heute unsere. Die Begegnung aus allem macht unseren Blick auf Kunst (aus).

Der nackte Körper ist nicht immer derselbe Körper

Stellen wir Herkules für einen Moment neben eine andere Figur, die in der Kunstgeschichte immer wieder nackt erscheint: Venus. Beide stammen aus der antiken Mythologie. Beide sind mehr als Menschen. Trotzdem erzählen ihre Körper in vielen Bildern sehr unterschiedliche Geschichten.

Herkules steht. Er beansprucht mit seiner Größe und seiner Haltung den Raum um sich herum. Sein Körper soll zeigen, was er kann. Venus liegt häufig oder wird in einem Moment gezeigt, in dem sie betrachtet oder beobachtet wird. Bei Botticellis „Geburt der Venus“ steht die Göttin zwar aufrecht auf ihrer Muschel, aber eine Hand bedeckt ihre Brust, ihr Haar den Schoß. Bedeckend und betonend gleichzeitig. Stärke und Tatendrang auf der einen Seite, Schönheit und Betrachtet werden auf der anderen: Das ist keine Regel für jedes Bild, aber eine ziemlich häufig wiederkehrende Rollenverteilung.

Noch deutlicher lässt darüber vor Velázquez’ Venus vor dem Spiegel nachdenken. Hier sieht man die liegende Göttin von hinten. Ein Spiegel verspricht uns ihr Gesicht, aber das Spiegelbild bleibt unscharf. Über ihren Körper erfahren wir viel, über sie selbst fast nichts. Man kann das Gemälde für seine malerische Raffinesse bewundern und zugleich fragen, für wessen Blick diese Szene eigentlich eingerichtet ist…

Dabei wäre es zu einfach, männliche Nacktheit immer mit Macht und weibliche immer mit Passivität gleichzusetzen. Es gibt verletzliche Männerkörper, handelnde Frauenfiguren und Bilder, die solche Erwartungen bewusst durchkreuzen. Auch Herkules ist nicht bloß „ein Mann“: Er ist eine mythologische Figur in einer ganz bestimmten politischen Inszenierung. Gerade im Vergleich fällt aber auf, welche Möglichkeiten Künstler:innen und Auftraggeber:innen unterschiedlichen Körpern über lange Zeit zugestanden haben.

Und noch etwas verändert den Blick: Wir fragen heute häufiger, wer diese Bilder geschaffen hat: Frauen waren in der Kunstgeschichte ja tatsächlich nicht abwesend. Doch zwischen der Präsenz weiblicher Körper auf Bildern und der Sichtbarkeit von Künstlerinnen in den großen Erzählungen und Sammlungen klafft eine ziemlich große Lücke. Die Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls hat deshalb 1989 eine provokante Frage gestellt: Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen? Der Witz traf einen wunden Punkt. Zu sehen war die Frau oft. Als Urheberin wurde sie wesentlich seltener wahrgenommen.

Damit verschiebt sich die Frage noch mal. Wir schauen nicht mehr nur auf die Person im Bild. Wir schauen auch auf diejenigen, die ein Bild gemacht, gekauft, ausgestellt und erklärt haben. Und darauf, wie jede Zeit neu bestimmt, wer in der Kunstgeschichte einen Platz bekommt.

Was eine Zeit sehen wollte

An einem Ort in Kassel lässt sich das auf ganz andere Weise verfolgen: 1955 öffnete im Fridericianum die erste documenta. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die Stadt war noch nicht wieder komplett aufgeräumt und aufgebaut, trug noch sehr sichtbare Zeichen der massiven Zerstörung. Ausgerechnet hier wollte Arnold Bode die Kunst der Moderne wieder öffentlich zeigen und Deutschland mit der internationalen Kunstwelt in einen Dialog bringen. Zu sehen waren auch und sehr bewusst künstlerische Positionen, die unter den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert worden waren.

Am besten versucht man sich wohl in die Zeitgenoss:innen zu versetzen, um sich den Moment vorstellen zu können. Was das für das Publikum bedeutete! Werke, die jahrelang aus Museen entfernt, abgewertet oder kaum zugänglich gewesen waren, sollten jetzt den Besucher:innen gezeigt werden. Zögern, Freude, Ablehnung, Begeisterung, Entsetzen, … alles gleichzeitig! Und: die Ausstellung zeigte nicht einfach, was es in der Kunst gab – sie veränderte, was wieder gesehen und besprochen werden konnte und musste.

Doch auch diese Öffnung hatte Grenzen. Welche Werke damals als wichtige Moderne galten, hing ja doch auch wieder von den Menschen ab, die sie auswählten und von den Vorstellungen ihrer Zeit. Die frühe documenta erzählt vor allem eine europäische Geschichte der Moderne. Dass die NS-Vergangenheit einzelner Beteiligter heute genauer untersucht wird, verändert wiederum unseren (heutigen) Blick auf die Ausstellung. Was 1955 als Neuanfang erschien, betrachten wir inzwischen auch mit Fragen nach Kontinuität, Auslassungen und Verantwortung.

Darin steckt keine einfache Geschichte, in der jede Generation automatisch klüger sieht oder ist als die vorherige. Wir bemerken heute manches, das damals übersehen oder verdrängt wurde. Andere blinde Flecken unseres eigenen Blicks werden vermutlich erst später überhaupt deutlich. Gerade deshalb lohnt es sich, bei einer Ausstellung nicht nur zu fragen: Was sehe ich? Sondern auch: Warum ist gerade das hier zu sehen?

Wer wählt aus, was wir sehen?

Diese Fragen führt schließlich hinter die Bilder, hinter die Ausstellung. In die Depots, an die Schreibtische und in die Gespräche, Briefe, Mails. Bevor wir einen Raum betreten, hat ja jemand/ein Team entschieden, was da hängt und wie. Welche Geschichte die Wandtexte erzählen und welchen Stimmen Platz gegeben wird.

Bei der kommenden documenta 16 wird diese Seite des Sehens besonders sichtbar. Naomi Beckwith ist nämlich ihre künstlerische Leiterin. Gemeinsam mit Carla Acevedo-Yates, Romi Crawford, Mayra A. Rodríguez Castro und Xiaoyu Weng bildet sie das Artistic Team, das Ausstellung, Publikationen und Programm entwickelt. Die documenta 16 ist für 2027 geplant – welche Werke wir dort sehen werden, lässt sich aus der Zusammensetzung des Teams aber noch nicht ablesen und ist (während ich diesen Text schreibe) noch top secret.

Aber schon die Frage, wer diese Ausstellung gestalten wird, ist interessant. Nicht weil Frauen Kunst zwangsläufig auf eine bestimmte Weise zeigen würden. Eine solche Erwartung wäre ja dann doch selbst wieder eine Schublade. Sondern weil unterschiedliche Biografien, Forschungsinteressen und Erfahrungen beeinflussen können, welche Verbindungen Menschen herstellen, welche Geschichten ihnen auffallen und welche Fragen sie für dringend halten. Das gilt für ein kuratorisches Team genauso wie für uns selbst vor einem Kunstwerk.

(Frauen haben die documenta übrigens nicht erst jetzt geprägt: Catherine David leitete 1997 die documenta 10, Carolyn Christov-Bakargiev 2012 die documenta 13. Wenn wir über das Team von 2027 sprechen, lohnt es sich also, auch diese Geschichte mitzusehen. Veränderung geschieht selten mit einem einzigen großen Schnitt. Oft verschieben sich über Jahre die Möglichkeiten, wer eine Bühne bekommt und was auf ihr verhandelt wird.)

Den eigenen Blick mitdenken

Zwischen Herkules und einem kuratorischen Team liegen (scheinbar) Welten: hier ein riesiger, nackter Held, da eine internationale Kunstausstellung. Aber bei beiden begegnet uns die Frage: Wie entstehen die Bilder, die eine Zeit wichtig findet und wie werden sie präsentiert?

Bei Herkules wurde ein antiker Körper zum Zeichen für die Macht eines Landgrafen. Bei der ersten documenta wurden Werke wieder öffentlich sichtbar, die zuvor aus dem kulturellen Leben verdrängt worden waren. Bei jeder neuen documenta (oder auch anderen Ausstellungen) wird wieder darüber entschieden, welche Kunst und welche Perspektiven Aufmerksamkeit bekommen. Die Antworten fallen unterschiedlich aus, weil die Menschen, die Fragen und die gesellschaftlichen Umstände sich verändern.

Das ist vielleicht auch das Schöne (und manchmal eben das Anstrengende) an Kunst: Sie bleibt nicht einfach in ihrer Entstehungszeit stehen. Wir begegnen ihr mit allem, was wir heute wissen, für selbstverständlich halten oder gerade erst zu hinterfragen beginnen. Ein Werk kann uns vertraut erscheinen und plötzlich fremd werden, sobald jemand eine andere Frage stellt.

Herkules hat sich also nicht verändert. Unser Blick schon. Und er wird sich (hoffentlich) weiter verändern.


Kunst beginnt mit einer Pause.
Nicole Klemens · Kunst- und Designhistorikerin

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