Bilbao, der Bilbao-Effekt und die Frage, was Kultur mit Städten macht
Ich war letztens in Bilbao. Stand schon länger auf meiner Liste, jetzt endlich umgesetzt. Das Guggenheim Museum von Frank Gehry wollte ich gern einmal selbst sehen. Naja und jetzt ist es ja so: Es gibt Städte, in die reist man wegen der Sonne. Wegen der Landschaft oder weil irgendein Mensch, den man mag, dort lebt. Aber nach Bilbao? Zufällig kommt man nicht dort hin. Vielleicht „nimmt man Bilbao mit“, wenn man den Jakobsweg läuft? Aber sonst? Eben, eigentlich nur wegen dem einen Gebäude. Dem „Guggenheim“.
Natürlich ist Bilbao viel mehr als das Guggenheim. Es gibt die Altstadt mit ihren Gassen und Pintxos-Bars, den Mercado de la Ribera, die Brücken, den Fluss, die (wow, unerwartet) grünen Hügel im Hintergrund, die baskische Küche, die Nähe zum Meer, die Mischung aus rauer Industriegeschichte und erstaunlich selbstbewusster Gegenwart. Aber seien wir ehrlich: Für sehr viele Besucher:innen ist das Bild von Bilbao ein silbrig schimmernden Bau am Fluss. Mit Titanplatten, die je nach Wetter kühl, warm, matt, glänzend, grau, golden oder fast weiß wirken. Mit einer Architektur, die sich nicht ordentlich in Vorderseite, Rückseite, Dach und Fassade sortieren lässt. Mit einem Gebäude, das aussieht, als sei es einmal komplett durcheinander geschüttelt worden, kein oben, kein unten, kein rechts, kein links.
Das Guggenheim Museum Bilbao ist ein Museum. Aber es ist eben auch ein Bild. Ein Symbol. Eine Marke. Ein Versprechen. Und vielleicht sogar eine der berühmtesten Antworten auf die Frage, ob Kultur eine Stadt verändern, ja eben sogar retten, kann.
Diese Frage ist deshalb so spannend, weil sie zunächst fast naiv klingt. Kann denn ein Museum wirklich eine Stadt retten? Kann ein Gebäude Arbeitsplätze schaffen, Touristen anziehen, ein Image verändern, Stolz bei den Locals erzeugen, alte Industriebrachen neu beleben und eine Stadt quasi nochmal neu auf der Landkarte platzieren? Oder ist das eine dieser hübschen Erfolgsgeschichten, die man sich im Nachhinein erzählt, weil sie so gut klingt?
Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Und genau da ist es ja meist am Interessantesten.
Bilbao war eben nicht immer das Reiseziel, das es heute ist. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Stadt vor allem eines: ein Industriestandort. Stahl, Schiffbau, Hafen, Schwerindustrie. Der Fluss Nervión war nicht romantische Kulisse, sondern Arbeitsachse. Er verbindet die Stadt mit dem Atlantik und förderte so den Handel, Transport, Produktion (wie in so vielen anderen Hafenstädten around the word). Bilbao war nicht hübsch. Bilbao funktionierte. Es war laut, produktiv, schmutzig und: wirtschaftlich wichtig.
Aber genau dieses Modell geriet in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Wanken. Wie in vielen europäischen Industriestädten traf der Strukturwandel Bilbao hart. Werften und Stahlwerke verloren an Bedeutung, Industriebetriebe schlossen, Arbeitsplätze verschwanden. Was lange der Motor der Stadt war, wurde zum Makel. Zurück blieben belastete Flächen, verschmutzte Uferzonen, eine schwierige wirtschaftliche Situation, Arbeitslosigkeit und ein Image, das herzlich wenig mit Kulturreise, Designhotel oder internationaler Architektur zu tun hatte.
Ok, Bilbao war in den 1980er Jahre nicht einfach häßlich. Das wäre zu oberflächlich. Aber es war ziemlich eindeutig eine Stadt, die ihre urprüngliche Bedeutung verloren hatte und jetzt nach einer neuen suchte. Natürlich nicht die Stadt, sondern die Menschen dort.
Und so hatten einige dieser Menschen Anfang der 1990er eine Idee. Sie wollten Kultur als strategisches Instrument der Stadtentwicklung einsetzen. (Das ist wichtig, weil es den später sogenannten Bilbao-Effekt besser erklärt.) Das Guggenheim fiel tatsächlich nicht einfach vom Himmel und veränderte -hokuspokus – alles um sich rum. Es war Teil einer bewusst entwickelten Strategie. Der Impuls kam von der Baskischen Regierung, die sich an die Solomon R. Guggenheim Foundation mit dem Vorschlag wandte, eine europäische Dependance zu eröffnen. Die baskische Seite übernahm die Finanzierung des Baus und die langfristige finanzielle Absicherung, während die Guggenheim Foundation Namen, Sammlung, kuratorisches Know-how und internationales Prestige einbrachte.
Das war ziemlich mutig! Ich meine: hallo, eine kleine Stadt geht einfach mal los und sagt: ihr wollt doch bestimmt bei uns eine neue Zweigstelle eröffnen! Die hätten ja auch lachen können. Nein sagen.
Und dann muss man ja auch fragen: Warum soll denn eine wirtschaftlich angeschlagene Region so viel Geld in ein Museum investieren? Warum in einen spektakulären Neubau? Warum nicht in Straßen, Schulen, Wohnungen, Industrieprogramme oder soziale Infrastruktur? Irgendwas?
Die Antwort ist eigentlich (erstaunlich) logisch: Bilbao investierte ja nicht nur in ein Museum. Bilbao investierte in Sichtbarkeit. In ein neues Image. Und damit eben in eine Möglichkeit, auch von außen anders gesehen zu werden. Eben nicht mehr Krise, Industrie und Schandfleck. Sondern als ein besonderer Ort. Ein Hingucker. Kultur wurde hier nicht als hübsches Extra gedacht, sondern als maßgeblicher Hebel für die Veränderung.
Long story short: der Traum wurde Wirklichkeit, die Guggenheim Foundation sagte ja. Ein Architekt wurde gefunden. Und eben nicht irgendeiner, sondern eben Frank Gehry. Einer der „StArchitekten“ der 1990er. Und (sorry für den Gemeinplatz) er kleckerte nicht, er klotzte. Ein dekonstruktivistischer Bau, mit Titanplatten verkleidet, wie ein Schiff, dass da am Fluß liegt. Oder vielleicht eher ein Fisch, bei dem die silbernen Schuppen die Sonne reflektieren und ihn strahlen lassen. Und wirklich, es ist schon ziemlich beeindruckend, wenn man aus der Stadt heraus den kurzen Weg läuft, erst eine ziemlich eindrucksvolle Brückenkonstruktion erscheint und direkt dahinter das Gebäude des Guggenheim Museum auftaucht. Und das ist ja auch das Interessante an der dekonstruktivistischen Architektur: man kann sie einfach nicht auf einen Blick erfassen. Sie entsteht beim Sehen. Beim Gehen. Stück für Stück. Immer ein bisschen mehr, eine andere Perspektive. Hier in Bilbao wirklich ein tolles Zusammenspiel von Weg – Fluß – Gebäude.
Ich fotografiere ja tatsächlich sehr gerne (und ja auch viel, manchmal vielleicht zu viel) und hier ist es wirklich so gewesen, dass ich mit jedem Schritt ein neues Foto machen „musste“. Es sah einfach immer anders aus. Slowlooking in seiner schönsten Form!
Zurück zum Gebäude. Heute klingt das irgendwie schon fast selbstverständlich. Natürlich Gehry. Natürlich Titan. Natürlich diese wellenartigen Formen am Fluss. Aber damals war der Ausgang keineswegs sicher. Gehry war bekannt, aber das Guggenheim Bilbao machte ihn endgültig zu einem Architekten von weltweiter Popkultur-Präsenz. Mit diesem Bau wurde Architektur plötzlich wieder etwas, worüber nicht nur Fachleute sprachen. Menschen, die sonst keine Architekturzeitschriften lasen, kannten dieses Gebäude. Es wurde fotografiert, diskutiert, bewundert, kritisiert. Es tauchte in Reiseführern, Bildbänden, Dokumentationen (und später in unzähligen Instagram-Feeds) auf.
Das Gebäude ist eben auch nicht ein „typischer“ Museumsbau. Btw ich glaube auch nicht, dass es das gibt. Aber bleiben wir mal dabei: Wenn ein „typisches“ Museum ein Kasten ist, außen häßlich, innen schöne Kunstwerke, dann ist das Guggenheim Museum das Gegenteil. Das Gebäude selbst ist schon Grund für viiiiiiele Fotos. Man hat schon ein Erlebnis, bevor man überhaupt reingegangen ist. Man kann außen rum gehen, auf die Brücke, den Nebel von Fujiko Nakaya abwarten, der das Gebäude jede Stunde für ein paar Minuten verhüllt und mit dem nächsten Windzug wieder sichtbar macht, man kann es mit Louise Bourgeois’ monumentaler Spinne „Maman“ fotografieren und ohne. (Die Besuchermassen nicht auf dem Foto zu haben ist zugegebenermaßen schwierig, aber auch das geht.)
Das Außen des Museums ist also Teil des Museumserlebnisses. (Vielleicht sogar der bekanntere?).
Man kann das kritisch sehen. Man kann sagen: Die Architektur nimmt der Kunst drinnen was weg. Die Ausstellungen werden zweitrangig. Die Besucheri:nnen kommen wegen der Selfies, nicht wegen der Kunst. Und ja, ein paar bestimmt. Sehr sicher sogar. Aber man kann es ja auch anders sehen: Architektur öffnet hier eine Tür (puh, was ein Bild). Sagen wir es anders: sie erzeugt Neugier. Sie bringt Menschen an einen Ort, an dem sie vielleicht sonst nie gelandet wären. Und wenn sie einmal da sind, kann es ja passieren, dass sie vielleicht auch reingehen. Oder sie bleiben draußen, auch ok. Aber ich glaube bestimmt, dass bei einigen zumindest Neugier geweckt wird: Was ist das? Warum steht das hier? Wow, cool! Oder: Och nö, wie häßlich! Was es ist, ist vollkommen egal. Aber es passiert was. Und ist das nicht genau auch das, was Kunst will? Irgendwas anstupsen?
Denn: das ist ja gar nicht wenig.
Der Begriff „Bilbao-Effekt“ entstand eigentlich genau aus dieser Beobachtung heraus: Ein außergewöhnliches Kulturgebäude kann weit über seine eigentliche Funktion hinauswirken. Es kann Besucher:innen anziehen, Investitionen auslösen, ein neues Image entstehen lassen, Aufmerksamkeit erzeugen und wirtschaftliche Impulse geben. Etwas anstupsen. In Bilbao ist genau das passiert: im ersten Jahr kamen schon weit mehr Menschen als erwartet. Die Besucher:innenzahlen blieben auch hoch. Hotels, Gastronomie, Handel und Tourismus haben nachgezogen (und profitiert). Das Museum wurde zu einem wirtschaftlichen Faktor und zu einem kulturellen Magneten.
Aber (ja, das „aber“ kommt auch) der Begriff „Bilbao-Effekt“ ist auch gefährlich, weil er die Geschichte verkürzt. Er klingt, als bräuchte es nur mal eben ein spektakuläres Museum, und schon -zack – blüht die Stadt auf. Genau dieses Missverständnis hat sich weltweit erstaunlich hartnäckig gehalten (hält sich noch). Nach Bilbao haben viele Städte angefangen, von genauso einem „Wunder“ zu träumen. Ein Stararchitekt, ein Neubau, internationale Kultur, die entsprechende Vermarktung und schon läuft es wieder.
Ist aber eben nicht so einfach.
Bilbao hat ja auch nicht funktionierte, weil dort ein einzelnes Gebäude stand. Bilbao funktioniert, weil eben das Gebäude Teil eines viel größeren Umbaus war. Die Stadt investierte massiv in Infrastruktur, öffentliche Räume und Mobilität. Der Fluss wurde aufgewertet, Uferzonen wurden zugänglich gemacht, alte Industrieareale neu gedacht. Die Metro erhielt neue Stationen, Norman Foster baute ein Weinlager um, der Flughafen wurde von Santiago Calatrava entworfen, Brücken, Straßenbahnen, Plätze und Promenaden haben das Stadtbild verändert. Und das Guggenheim war darin ein Baustein.
Das ist ein bisschen wie bei einem (Kino-)Film: Ein Hingucker-Plakat kann Menschen anlocken. Aber wenn der Inhalt nicht überzeugt…
Bilbao lieferte, aber trotzdem bleibt die Sache eben nicht so einfach, denn sobald Kultur als Motor wirtschaftlicher Entwicklung verstanden wird, entsteht eine neue Spannung. Museen sollen dann nicht nur sammeln, bewahren, forschen, vermitteln und ausstellen. Sie sollen dann eben auch Besucher:innenzahlen generieren, Tourismus fördern, Standortmarketing betreiben, internationale Aufmerksamkeit erzeugen und möglichst messbare ökonomische Effekte vorweisen. Das kann schnell problematisch werden, weil Kultur dann Gefahr läuft, vor allem nach ihrer „Verwertbarkeit“ beurteilt zu werden. Eine Ausstellung ist dann erfolgreich, wenn sie viele Menschen anzieht. Ein Museum ist relevant, wenn es Umsatz in der Region erzeugt. Architektur ist gelungen, wenn sie fotografiert wird…
Ist ein bisschen kurz gedacht. (He, und es wird einfach der Kultur, in welcher Art auch immer sie sich darstellt, nicht gerecht!). Aber es wäre eben auch falsch, wirtschaftliche Effekte von Kultur so ganz grundsätzlich abzuwerten. Museen existieren nicht im luftleeren Raum. Sie beschäftigen Menschen, ziehen Gäste an, beleben Quartiere, schaffen Begegnungen (oh und das ist in unserer Zeit soooooo wichtig!), prägen Bildungslandschaften und können das Selbstverständnis einer Stadt verändern. Kultur darf wirtschaftlich wirksam sein. Die entscheidende Frage ist nur, ob sie auf diese Wirkung reduziert werden sollte.
Bilbao spiegelt beides wider. Fluch und Segen eben…
Die Kraft liegt darin, dass Kultur einer Stadt ein neues Selbstbewusstsein geben kann: Hier wurde das Guggenheim zu einem Symbol des Aufbruchs. Nicht mehr Niedergang, sondern Wandel. Es zeigte, dass eine ehemalige Industriestadt nicht nostalgisch an ihrer Vergangenheit kleben muss, sondern daraus eine neue Zukunft entwickeln kann. Gerade das macht Bilbao so interessant: Die Stadt hat ihre industrielle Geschichte nicht vollständig ausgelöscht, sondern was Neues draus gestrickt.
Die Gefahr liegt darin, dass Erfolg neue Probleme erzeugt. Wo viele Menschen hinreisen, steigen oft Mieten, verändern sich Gewerbestrukturen, wachsen Ferienwohnungsangebote, verschieben sich Alltagsräume. Overtourism beginnt ja nicht erst da, wo man sich durch überfüllte Gassen schiebt. Er beginnt meistens viel früher, viel leiser: wenn kleine Läden verschwinden, weil sich nur noch Gastronomie für Besuchende lohnt. Wenn Wohnungen vom Wohnungsmarkt verschwinden. Wenn Stadtviertel sich stärker an touristischen Erwartungen orientieren als am Alltag der Menschen, die da leben.
Bilbao ist nicht Venedig. Bilbao ist auch nicht Barcelona. Die Stadt wirkt irgendwie viel alltäglicher, normaler und (noch) nicht vollkommen vom Tourismus überrollt. Aber gerade deshalb ist Bilbao ein interessanter Fall, weil sich hier beobachten lässt, wie kultureller Erfolg gestaltet werden muss, bevor Probleme unkontrollierbar werden könnten und die ganze Sache zu eskalieren droht. Die Diskussion um eine geplante Guggenheim-Erweiterung in der Biosphäre Urdaibai zeigt genau diese neue Sensibilität. Während die einen auf wirtschaftliche Impulse und regionale Entwicklung hofften, warnten andere vor den ökologischen Schäden, fehlender lokaler Beteiligung und einem Tourismusmodell, das nicht überallhin übertragen werden darf. Dass dieses Projekt schließlich aufgegeben wurde, zeigt die Umsichtigkeit und das Erkennen der Brüchigkeit eines Models.
Nicht jede Stadt braucht ein ikonisches Museum. Nicht jede Stadt braucht einen Stararchitekten. Nicht jedes leerstehende Hafenareal muss zur Kulturmeile werden. Und nicht jede Kulturinvestition ist automatisch gut, nur weil sie sich mit Begriffen wie Kreativwirtschaft, Stadtentwicklung oder internationaler Sichtbarkeit schmückt.
Gute Kulturpolitik fängt mit Fragen an: Was fehlt hier? Wer lebt hier? Welche Geschichten sind sichtbar, welche nicht? Welche Räume brauchen Menschen? Welche Rolle kann Kultur tatsächlich übernehmen? Geht es um Tourismus? Um Bildung? Um lokale Identität? Um soziale Teilhabe? Um ökologische Transformation? Um wirtschaftliche Impulse? Oder alles gleichzeitig?
In Bilbao ist etwas gelungen, weil ein starker politischer Wille, eine langfristige Strategie, erhebliche Investitionen, ein internationaler Partner, ein außergewöhnlicher Architekt, ein Standort am Fluss (ja auch der spielt eine Rolle) und eine Stadt, die tatsächlich bereit war, sich grundlegend zu verändern,… Weil eben alles zusammenkam. So wird ein Schuh draus.
Kultur kann eine Stadt nicht retten. Ein Gebäude nicht. Ein:e Architekt:in nicht. … (ich könnte die Liste fortsetzen.) Aber: all dies kann ein Zeichen setzen, neugierig machen, ein Symbol werden, größer werden,… Ich glaube, deshalb ist Bilbao auch so faszinierend, weil es eben nicht nur das Museum ist, sondern eben eine Stadt, die lebt, die wirklich besuchens- und erhaltenswert ist. Und man sollte eben weitergehen, auch mal über die ausgetretenen Wege hinweg. Es ist nicht alles bright and shiny und auch das sollten wir sehen (und nicht vergessen).







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