Tatsächlich spielt diese Frage für unsere Kunstbetrachtung erstaunlich selten überhaupt eine Rolle! Meist beschäftigen wir uns mit großen Werken, mit Ikonen, Bildern und Installationen, die Museen füllen und ganze Städte prägen. Aber ist nicht eigentlich dieser Moment davor auch schon superfaszinierend? Die Augenblicke, in denen noch niemand ahnt bzw. ahnen kann, dass hier gerade etwas Neues beginnt…
Na klar, künstlerische Ideen fallen selten vom Himmel (wäre ja zu einfach!). In der Regel entstehen sie durch Beobachtungen, Zweifeln, Irritationen und aus dem Mut, Dinge anders zu anzuschauen, anders über sie nachzudenken. Genau an dem Punkt befand sich die Kunst Ende der 1950er Jahre. Europa war im Aufbruch: Städte wurden nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut, die Industrie boomte, neue Materialien wie Kunststoff und Aluminium prägten den Alltag. Die Welt wurde (noch) schneller, lauter, voller Dinge.
Und die Kunst?
Die war frei! Vielleicht sogar freier als je zuvor. Seit den 1940er Jahren hatten Künstler:innen die Malerei von ihrer Darstellungsfunktion befreit: Farbe musste nichts mehr abbilden, der Pinselstrich keinen Gegenstand mehr markieren. Informel und Abstrakter Expressionismus hatten die sichtbare Welt hinter sich gelassen und Material, Geste und Farbe waren selbst zum Thema geworden. Eigentlich hätte das grenzenlose Möglichkeiten eröffnen müssen. Doch genau in dieser Freiheit entstand eine neue Unruhe.
Denn: wenn Kunst alles sein darf, warum fühlt sie sich dann für manche so weit entfernt vom wirklichen Leben an?
Während Museen beispielsweise abstrakte Großformate zeigten, richteten manche Künstler:innen daher ihren Blick auf Schrottplätze, Werkstätten, Baustellen und Kaufhäuser. Auf Dinge, an denen man sonst achtlos vorbeiging: Maschinen, Autokarosserien, Verpackungen, Werbeplakate, Möbel, Ölfässer. Heute wirkt das selbstverständlich, damals war es eine kleine Revolution.
1960 fasste Pierre Restany diese Entwicklung im Manifest des Nouveau Réalisme zusammen. Doch die entscheidende Veränderung war längst geschehen, eine neue Frage aufgeworfen: Was passiert, wenn die Wirklichkeit selbst zum Material der Kunst wird?
Die Antworten kamen und sie waren unglaublich vielfältig.
Arman beispielsweise begann zu sammeln. …nicht Wertvolles, sondern Alltagsobjekte: Geigen, Kaffeemühlen, Schreibmaschinen, Zahnräder. In Ansammlungen oder Plexiglasblöcken wurden sie zu Verdichtungen des Gewöhnlichen. Die Dinge blieben, was sie waren und wurden doch anders wahrgenommen.
César ging den entgegengesetzten Weg: Er zerstörte. Mit hydraulischer Presse verwandelte er Autos in kompakte Metallblöcke. Geschwindigkeit wurde Stillstand, Technik wurde Form, Gebrauchsgegenstand wurde Skulptur.
Jean Tinguely setzt stattdessen auf Bewegung. Seine Maschinen ratterten, quietschten, zeichneten, zerlegten sich manchmal selbst und wirkten dabei irgendwie wie eigenwillige Wesen, laut, chaotisch, unberechenbar.
Und Christo?
Der verhüllte. Zunächst Flaschen, Dosen, Stühle, Möbel, später Ölfässer. Nicht, um sie zu verstecken, sondern um sie sichtbar zu machen. Ein verhülltes Fass verliert seine Funktion und wird zu Form, Oberfläche, Volumen. Das Vertraute wird fremd und genau deshalb sehen wir genauer hin. Christo verändert das Objekt kaum. Er verändert unseren Blick.
Diese Künstler:innen durchbrechen quasi den „Automatismus“ des Sehens. Im Alltag erkennen wir mehr, als wir wirklich betrachten: Auto, Stuhl, Verpackung, Fass… fertig. Unser Gehirn arbeitet unglaublich effizient, aber genau durch diese Effizienz übersehen wir vieles.
Auch Niki de Saint Phalle griff diesen Gedanken auf, radikal anders allerdings. Ihre „Tirs“, die Schießbilder, entstanden durch Zerstörung: Farbbeutel hinter Gips, ein Gewehr, ein Einschlag. Das Bild entsteht im Moment des Treffers, wenn die Farbe rinnt. Eine Frau, die schießt, um ein Kunstwerk zu schaffen. Was für ein provokanter Akt! …und eine radikale Methode, um den schöpferischen Prozess einmal komplett neu zu definieren.
Zur gleichen Zeit experimentierte Marta Minujín mit Räumen und Situationen. Matratzen, Kartons, Stoffe, Lebensmittel, Bücher wurden zu begehbaren Installationen. Kunst wurde Erlebnis, durfte verschwinden, war nicht mehr Objekt, sondern Erfahrung.
Das Erstaunliche dieser Zeit:
Das Neue lag nicht in außergewöhnlichen Materialien, sondern im Gewöhnlichen. Die Künstler:innen suchten nicht das Spektakuläre, sondern das Alltägliche! …und machten sichtbar, wie viel darin steckt.
Eigentlich war der Gedanke nicht mal neu. Marcel Duchamp hatte 1917 mit „Fountain“ gezeigt, dass ein Urinal durch die Entscheidung des Künstlers Kunst werden kann. In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren, dem Nouveau Realisme wurde dieser Gedanke weitergeführt. Alltagsgegenstände wurden nicht nur in den Ausstellungsraum gebracht, sondern verändert, gestapelt, gepresst, verhüllt, beschossen oder begehbar gemacht.
Die Dinge blieben erkennbar und werden doch anders gesehen.
Die eigentliche Revolution lag nicht darin, dass plötzlich Ölfässer oder Autoteile im Museum standen. Sie lag darin, dass Kunst begann, unseren Blick auf die Welt zu verändern. Sie unterbrach den Automatismus des Sehens und lud uns ein, ein zweites Mal hinzusehen.
Vielleicht fängt Kunst ja auch genau da an. Nicht mit einem Pinselstrich. Nicht mit einem fertigen Konzept.
Sondern mit einer Frage. Mit Neugier. Mit der Bereitschaft, etwas Selbstverständliches nochmal anzusehen.
Neue Ideen entstehen ja selten aus dem Nichts. Sie sind fast immer eine Antwort auf ihre Zeit: auf gesellschaftliche Veränderungen, politische Umbrüche, technische Entwicklungen oder neue Lebensrealitäten. Künstler:innen beobachten diese Veränderungen oft besonders aufmerksam, stellen (andere) Fragen und machen sichtbar, was viele (noch) gar nicht wahrnehmen.
Und vielleicht ist es genau das: Bevor Kunst entsteht, entsteht ein neuer Blick.







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