Was der Zufall uns sehen lässt.

Ferien vorbei. Urlaubszeit rum. Zeit, die entstandenen Fotos zu sichten (und ja, vielleicht sogar mal ein paar aus ihrem digitalen Schlaf zu holen und sie in einem Fotoalbum oder gar als Ausdruck erstrahlen zu lassen!). Manche von diesen Fotos sind technisch perfekt: der Horizont ist gerade, das Motiv scharf und im Hintergrund läuft niemand ungewollt durchs Bild. Trotzdem sind es oft die anderen Bilder, an denen unser Blick hängenbleibt, die einprägsamer, „schöner“ sind: ein verwackelter Blick aus dem Zugfenster, eine Person, die nur noch als Schatten zu erkennen ist, irgendwelche Farbflecken oder -streifen im Gegenlicht. Eigentlich ein Fall für den (digitalen) Papierkorb. Gelöscht. Tschüss.

Haaaaalllllllt! Vielleicht sind genau das die „besseren“ Bilder! Warum? Weil sie etwas zeigen, das die (vermeintlich) perfekte Aufnahme eben nicht festhalten konnte: DEN einen Moment, wie der Ort sich angefühlt hat (weniger wie er ausgesehen hat), ein Sprachfetzen, der sich in die Szene drängelt, ein Duft… Der Zufall hat das Bild verändert und es geht tatsächlich gar nicht mehr darum, ob es gelungen ist (denn was soll das denn sein und wer legt es fest?), sondern darum, was darin/dahinter sichtbar geworden ist.

Wir sind superschnell darin, genau solche Bilder auszusortieren: Unscharf. Schief. Falsch belichtet. Weg damit. Das Urteil fällt hier noch bevor wir wirklich hingeschaut haben. Dabei steckt genau in diesem Moment etwas Spannendes: Was passiert, wenn das Ergebnis nicht unseren Erwartungen entspricht? Sehen wir nicht ausgerechnet dann vielleicht genauer hin?

Im Alltag versuchen wir meistens, Zufälle möglichst auszuschließen. Wir planen Termine, Wege, Ergebnisse. Wir möchten wissen, was passiert, wann es passiert und am besten was genau eigentlich rauskommt. Kein Platz für Überraschungen. Wir erkennen, ordnen ein und gehen weiter. Schema F. Immer gleich. Kalkulierbar. Kein Risiko. Hä? Warum eigentlich? Vielleicht weil es einfacher ist, wenn man weiß, womit man rechnen kann/muss? Wenn ich weiß, es regnet, nehme ich einen Schirm mit. Regnet es nicht – nicht schlimm, dann hab ich maximal den Schirm getragen. Regnet es aber und ich habe keinen Schirm dabei… Na klar: werde ich nass. Kann blöd sein. Also: besser Wetter checken, aus dem Fenster gucken, auf Nummer sicher gehen.

Gähn… Ist ja auch ein bisschen langweilig, oder?

In der Kunst ist der Zufall schon lange mehr als einfach nur ein Versehen. Künstler:innen haben ganz unterschiedliche Verfahren ausprobiert und entwickelt, verfeinert, um dem Unvorhersehbaren einen Raum zu geben. Oh, das bedeutet natürlich nicht, dass sie einfach irgendwas tun und anschließend hoffen, dass Kunst draus wird. Im Gegenteil: meist steckt viiiiiel Arbeit da drin. Genaue Kenntnisse über Materialien, über Prozesse, … machen es überhaupt erst möglich, Kontrolle an einer bestimmten Stelle abgeben zu können. Zufall ist hier nicht das Gegenteil von Können. Eher so eine Art begleitendes Element.

Jackson Pollock ist hierfür wahrscheinlich das bekannteste Beispiel. Er legte große Leinwände auf den Boden, stach Löcher in Farbeimer oder nutzte Pinsel und  Stöcke, um die Farbe beim Bewegen über die Leinwand darauf tropfen und platschen zu lassen. In Filmen und auf Fotos sieht das fast so ein bisschen wie ein Tanz aus. Aber was passiert da eigentlich? Die Farbe tropft dahin wo sie eben hintropft. Mal dicker, mal dünner. Pollock entschied über die Art der Farben, seine Bewegungen, seinen Rhythmus und (ja auch das) er kannte die Konsistenz der Materialien. ABER. Er konnte natürlich nicht voraussehen, wie die Schwerkraft wirkt, die Farbe tropft. Das Bild entstand irgendwo zwischen Steuerung und Kontrollverlust.

Noch radikaler machte Niki de Saint Phalle diesen Moment in ihren Schießbildern sichtbar. Für ihre Tirs, die ab 1961 entstanden, brachte sie mit Farbe gefüllte Behälter unter weißen Gipsflächen an, schoss mit einem Gewehr darauf (manchmal vor Publikum, manchmal mit anderen Künstler:innen). Traf eine Kugel auf so einen vergipsten Farbbeutel, platzte der auf und die Farbe lief. Irgendwie. Nicht planbar.

Auch hier wieder: Saint Phalle bereitete alles vor und setzte den Vorgang quasi selbst in Gang. Aber ab da, ab dem Moment wo der Schuss sich löst, passiert alles von allein. Das Bild wurde nicht gemalt. Es passierte. Der Zufall ist hier nicht still, sondern laut (der Schuss), er ist sichtbar. Bzw. eigentlich seine Konsequenz. Und sein Anfang, denn jemand muss zielen und abdrücken. Und dann das, was passiert, akzeptieren. Wird so, ob man will oder nicht.

Simon Hantaï wählte einen viiiiiiel leiseren Weg. Ab 1960 faltete, knüllte und verknotete er seine Leinwände bevor er sie bemalte. So wurde erst aus einer übersichtlichen Fläche (der Leinwand), ein Stoffpaket. Mit außenliegenden Partien, die Farbe abbekamen und innenliegenden Flächen, die trocken, unbemalt blieben. Erst wenn Hantaï das Paket wieder öffnet und auffaltete, zeigte sich das ganze Bild.

Die weißen Linien und Flächen, die seine Arbeiten durchziehen, sind deshalb keine nachträglich gemalten Formen, sondern (einfach) die Stellen, an die keine Farbe gelangt ist. Sie sind Zeichen und Erinnerungen an den gefalteten Zustand der Leinwand, bzw. den Prozess des Auf- und Zufaltens.

Good to know: Hantaï verbindet damit eine Kindheitserinnerung an die Schürze seiner Mutter, die den Stoff immer wieder sorgfältig gefaltet und gebügelt hat, so dass Knicke und Falten entstanden sind. Bei der getragenen Schürze also immer die eckigen  Spuren des vorangegangenen Reinigens und Glättens sichtbar waren. Eine künstlerische Methode, die er also aus etwas sehr Alltäglichem entwickelt hat… Irgendwie berührend, oder?

Fassen wir kurz zusammen: Pollock lässt also Farbe fließen, Saint Phalle auch irgendwie, Hantaï macht Teile der Leinwand unsichtbar, um sie sichtbar zu machen. Bei allen trocknet die Farbe, kommt der Prozess zu einem Endpunkt. Geht’s es nicht weiter, ist das Werk fertig. Punkt.

Bei Alexander Calder hört es nicht auf. Da bleibt die Bewegung. Seine Mobiles bestehen aus sorgfältig ausbalancierten Elementen, die auf Luftströmungen reagieren. Und sind sie noch so klein oder kurz. Ein Luftzug und die Formen verschieben sich, Abstände werden kleiner und wieder größer, Schatten wandern über den Boden und die Wand.

Calder hat natürlich auch hier die einzelnen Elemente gestaltet und in Beziehungen zueinander gesetzt. Alles einmal ins Gleichgewicht gebracht. Aber das Kunstwerk ist nicht statisch, wir sehen nie den einen bestimmten Moment – wenige Sekunden später kann dieselbe Plastik schon wieder ganz anders aussehen. Das Werk selber ist nicht unfertig, es ist „nur“ so angelegt, dass es sich immer wieder neu ordnet.

Noch ein Beispiel, weil ich es selbst unglaublich eindrucksvoll finde und immer wieder begeistert bin: die Nebelskulpturen von Fujiko Nakaya. Ich mein, wie genial ist eigentlich dieser Gedanke?! Egal wo ihre Inszenierungen stattfinden, ob am Guggenheim Museum in Bilbao, im Park der Fondation Beyeler, in der Bourse de Commerce, in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, … immer breitet sich dort in gewissen zeitlichen Abständen ein feiner Nebel auf. Der Nebel kriecht über den Boden, steigt auf, füllt Räume, verdeckt Dinge, löst die Architektur auf und schließlich sich selbst.

Nakaya arbeitet mit Wasser, das durch spezielle Düsen in feinste Tröpfchen zerstäubt wird – das ist geplant. Aber wie der Nebel sich entfaltet, das bestimmt auch die Luftbewegung, die Temperatur, die Feuchtigkeit am Ort und so vieles mehr. Der Nebel lässt sich also erzeugen, aber nicht modellieren. Und damit verändert sich nicht nur das Kunstwerk, sondern auch unsere Wahrnehmung. Konturen werden unsicher, Entfernungen lassen sich schwerer einschätzen, man sieht weniger und achtet genau deshalb auf das stärker, was man wahrnimmt. Und das ist eben nicht immer nur das Sichtbare!

Bei Calder und Nakaya gehört der Zufall nicht nur zur Entstehung des Werks. Er gehört zu seiner Präsenz, seinem Dasein. (Ich weiß, das hört sich ein bisschen komisch an, aber er ist halt einfach immer da.) Heißt aber auch, es gibt nicht DAS EINE WERK. Jede Betrachtung ist anders. Jeder Moment flüchtig. (Ok bisschen poetisch ist das Ganze auch. Oder auch philosophisch…)

Und vielleicht ist das der perfekte Moment wieder zu unserer (Urlaubs-)Fotografie zurückzukommen. Auch die entsteht ja in einem bestimmten Moment, in einem Setting, das wir nicht vollständig kontrollieren (also die anderen Menschen beispielsweise), oder das Licht, …). Also so vieles wo wir sagen könnten: ööööh, blöd, misslungen… Aber! (Und das können wir am Beispiel der Kunst ja jetzt festmachen.) Vielleicht macht ja genau der Zufall das Foto aus! (Ok, nicht jedes verwackelte Bild ist gleich super interessant, zugegeben. Aber vielleicht schauen wir ja ein zweites Mal hin, bevor wie Löschen drücken!).

Und: genau hier wird Wahrnehmung zu einer trainierbaren Fähigkeit. Nicht weil wir uns vornehmen, von jetzt an alles (noch) länger und angestrengter anzuschauen, sondern weil wir vielleicht diesen klitzekleinen Moment einschieben können. Einschieben zwischen erstem Eindruck und zack, gefälltem Urteil. Wir können für uns einfach mal kurz hinmerken, wie schnell wir etwas als schön, langweilig, störend, misslungen, oder wie auch immer einordnen. Und vielleicht beim nächsten Mal genau diese Einordnungen für einen klitzekleinen Moment offenlassen. Kunst ist das perfekte „Übungsfeld“ dafür, schließlich zeigt sie uns (s.o.), dass ein Ergebnis eben nicht immer vollständig geplant sein muss. Dass Kontrolle und Zufall beide durchaus ihre Berechtigung haben. Das etwas sich verändern kann. Und eigentlich sogar, dass etwas, das weniger sichtbar ist, manchmal zu mehr Aufmerksamkeit führt…

„Wahrnehmung trainieren“ heißt dann vielleicht auch, ungeplanten Dingen eine Chance zu geben 😉


Zum Weitersehen (und üben!):

Simon Hantaï: Entfaltung der Farbe, Museum Frieder Burda, Baden-Baden, 15. August 2026 bis 10. Januar 2027.

Fujiko Nakaya: Bourse de Commerce – Pinault Collection, Paris, bis 14. September 2026 und als dauerhafte Installation am Guggenheim Museum in Bilbao und an der Fondation Beyeler in Riehen.


Kunst beginnt mit einer Pause.
Nicole Klemens · Kunst- und Designhistorikerin

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