Von Reisen bringen wir oft was mit, manchmal auch etwas, bei dem niemand sonst versteht, warum ausgerechnet das. Nicht die Postkarte, nicht den fragwürdigen Magneten für den Kühlschrank. Sondern diese eine Kleinigkeit, die zufällig hängen geblieben ist: der Geruch von Kaffee und Meer an einer Straßenecke, ein Wort in einer fremden Sprache, das wir nie nachgeschlagen haben, das Licht um sieben Uhr abends, das es genau dort gibt und nirgendwo sonst.
Es sind meistens nicht die berühmten Sehenswürdigkeiten, die bleiben. Viel häufiger sind es diese kleinen unscheinbaren Momente und vielleicht reisen wir eigentlich auch genau deshalb: nicht nur, um neue Orte kennenzulernen, sondern um unseren Blick auf die Welt zu verändern.
Ehrlich? Kaum eine Reise beginnt heute noch komplett unvoreingenommen. Lange bevor wir den Koffer packen, kennen wir schon die schönsten Aussichtspunkte, die angesagtesten Restaurants, die Sehenswürdigkeiten, die wir (angeblich) nicht verpassen dürfen. Fotos? Alle schon gesehen! Der Geheimtipp der Einheimischen? Wird in mindestens 384 Instagram-Posts schon gezeigt. Noch nie war es so einfach, die Welt zu entdecken. Gleichzeitig fällt es uns immer schwerer, sie wirklich wahrzunehmen. Vielleicht sollten wir uns deshalb vor jeder Reise eine andere Frage stellen… Eben nicht: Wohin möchte ich reisen? Sondern: Was möchte ich dort sehen (und zwar im Sinne von Wahrnehmen, nicht: Augen auf, gesehen, fertig)?
Denn Erinnerungen entstehen (man glaubt es kaum) nicht automatisch. Unser Gehirn speichert eine Reise nicht wie einen Film, sondern setzt sie später aus Sinneseindrücken wieder zusammen: aus Gerüchen, Geräuschen, Lichtstimmungen, Emotionen und Bildern. Deshalb bleibt manchmal eben nicht das berühmte Museum (ja, das ist so) im Gedächtnis, sondern der Wind in einer schmalen Gasse oder das warme Pflaster unter den Schuhen. Erinnerung besteht weniger aus Sehenswürdigkeiten als aus Aufmerksamkeit. Unserer Aufmerksamkeit.
Der Urlaub ist vorbei, das Smartphone meldet stolz 1.847 neue Fotos und trotzdem verschwimmen viele Momente erstaunlich schnell. War dieses Café in Bilbao oder doch in San Sebastián? Eigentlich fotografieren wir doch, damit wir nichts vergessen. Tatsächlich ist aber nicht ganz so einfach… 2014 führte die amerikanische Psychologin Linda Henkel Studierende durch ein Kunstmuseum: Einige Objekte sollten sie nur betrachten, andere fotografieren. Am nächsten Tag erinnerten sich die Studierenden dann doch tatsächlich ausgerechnet an viele der fotografierten Werke schlechter – ups! Henkel nannte das den „Photo-Taking Impairment Effect“. Das Gehirn verlässt sich offenbar darauf, dass die Kamera die Erinnerung schon übernimmt. Sobald die Teilnehmenden aber bewusst einen Bildausschnitt wählten oder sich auf ein Detail konzentrierten, verschwand der Effekt fast vollständig. Nicht die Kamera entscheidet, was wir behalten. Sondern unsere Aufmerksamkeit. (Kleine Anmerkung: hier geht es um das Foto-Klick-und-weiter! Bewusstes Fotografieren (s. das mit den Details) fördert genaues Hinschauen und damit eine größere Chance, zu erinnern. Es geht also auch darum, wie wir Fotografieren!)
Noch konsequenter als bewusstes Fotografieren ist Zeichnen! …nicht, weil dabei schönere Bilder entstehen, sondern weil es den Blick verändert (das ist dieses Ding wie beim bewussten Fotografieren: man schaut anders hin, nimmt anders war). Wer einen Ort skizziert, muss auswählen, vereinfachen, verstehen: Welche Linie macht dieses Gebäude unverwechselbar, wie verändert das Licht seine Oberfläche, wo endet der Schatten? Leonardo da Vinci hat auch schon Skizzen genutzt, um Zusammenhänge (besser) zu begreifen, nicht nur um Motive festzuhalten. Der Kunstkritiker John Ruskin empfahl Reisenden im 19. Jahrhundert sogar ausdrücklich, unterwegs zu zeichnen, weil man dadurch erst wirklich sehen lerne (!) und die moderne Psychologie bestätigt das mit dem sogenannten „Generation Effect“: Informationen prägen sich tiefer ein, wenn wir sie aktiv verarbeiten, statt nur passiv aufzunehmen. Eine Skizze konserviert deshalb vor allem Zeit: das wiederholte Hinsehen, die zwanzig Minuten auf einer Parkbank, die langsame Entdeckung eines Ortes und halt all das, was „dazwischen“ passiert. …die Menschen, die vorbeigehen, der Geruch, der um die Nase weht…
Als Kunsthistorikerin verbringe ich viel Zeit damit, genau hinzusehen: warum ein Gebäude wirkt, obwohl seine Form ganz schlicht ist, warum mich ein Raum sofort zur Ruhe bringt, weshalb ein Kunstwerk manchmal erst mit und durch seine Schatten wirkt. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich auf Reisen gar nicht anders unterwegs bin. Ich sammle keine Sehenswürdigkeiten. Ich sammle Beobachtungen. Vielleicht faszinieren mich Orte wie Bilbao, Stockholm oder der Vitra Campus deshalb so sehr. Natürlich stehen dort große Namen wie Frank Gehry, Alvar Aalto, Tadao Ando, Zaha Hadid oder Herzog & de Meuron. Geblieben sind mir aber oft andere Bilder: die Spiegelung einer Wolke in einer Glasfassade, die Holzmaserung irgendwo, Regen auf dunklem Pflaster, das Graffiti in der Ecke. Architektur besteht eben nicht nur aus Wänden, sondern (auch) aus Licht, Material, Geräuschen, Temperatur und natürlich den Menschen, die sich durch sie bewegen. Wahrnehmung muss nicht spektakulär sein, um tief zu sein.
Dafür gibt es übrigens in der Architektur einen schönen Begriff: die Römer haben schon geglaubt, dass jeder Ort einen eigenen Charakter besitzt, den Genius Loci, den Geist eines Ortes. Der Architekturtheoretiker Christian Norberg-Schulz griff die Idee im 20. Jhd. wieder auf: für ihn half gute Architektur dabei, einen Ort zu verstehen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Manche Städte machen uns automatisch langsamer, andere neugierig. Bilbao erzählt seine Geschichte über Titan, Fluss und Industrie. Stockholm über Wasser, Granit und Licht. Venedig über Spiegelungen, Kyōto über Holz, Schatten und Stille. Diese Geschichten erschließen sich aber selten im Vorbeigehen. Sie brauchen Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, stehen zu bleiben. Langsam zu schauen.
Achtung, jetzt wird’s wissenschaftlich, genauer gesagt neurowissenschaftlich: Schon das Betreten einer neuen Umgebung fordert unsere Aufmerksamkeit heraus (so weit, so gut und so klar). Wir orientieren uns, vergleichen Bekanntes mit Unbekanntem und bauen nach und nach eine kognitive Karte auf (cool, oder?) ein mentales Modell, das viiiiiel mehr speichert als Straßen oder Gebäude, weil es Räume mit Gerüchen, Geräuschen, Lichtstimmungen und Emotionen verknüpft. Je bewusster wir einen Ort also erleben, umso intensiver & gefüllter wird diese innere Karte.
Uuuuuund, damit noch nicht genug! Irgendwann ist der Urlaub vorbei, wir kehren von der Reise zurück und der Alltag beginnt. Dieselben Straßen, dieselben Häuser – aaaaaaaber plötzlich bemerken wir den Schatten eines Baumes, den wir jahrelang übersehen haben, die Fassade eines Gebäudes, den kleinen Balkon… Sehen etwas, das vorher noch nicht da war (oder doch?). Die Reise hat also gar nicht mit unserer Rückkehr geendet. Sie hat noch viel mehr gemacht, nämlich unseren Blick verändert! Großartig, oder? Vielleicht ist das das Coolste am Reisen! Denn am Ende bringen wir was mit nach Hause, das niemand sonst versteht. Nicht die Postkarte. Nicht den Magneten für den Kühlschrank. Sondern eine andere Art, unseren Alltag, das Vertraute, das Neue, die Welt zu sehen.




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