Lässt sich Wohlfühlen bauen?

Unterwegs bei den Aaltos in Helsinki


Kann Architektur gesund machen?

Tatsächlich wohl eher nicht. Ein Gebäude heilt keine Krankheiten, ein Stuhl löst keine Lebenskrise und eine Leuchte ersetzt auch keinen Spaziergang durch den Wald. Ist so.

Aber trotzdem kennen wir dieses Gefühl ja, wenn man in einen Raum und der  strahlt einfach so eine bestimmte Ruhe aus, lässt uns runterkommen. Andere machen uns vielleicht konzentrierter oder lassen uns länger bleiben, als wir eigentlich vorhatten. (hihi!) Wieder andere fühlen sich kühl, abweisend oder sogar irgendwie anstrengend an obwohl wir gar nicht genau sagen können, warum.

Funfact: Neunzig Prozent unseres Lebens etwa verbringen wir in Innenräumen. (Nicht wenig!) Trotzdem denken wir erstaunlich selten darüber nach, welchen Einfluss Architektur und Design eigentlich auf unser Wohlbefinden haben.

Genau diese Frage beschäftigte Alvar und Aino Aalto schon vor fast hundert (!) Jahren. Lange bevor Begriffe wie Wellbeing, Healing Architecture oder Human Centered Design in Mode kamen, entwickelten sie eine Architektur, die nicht beim Gebäude angefangen hat,  sondern beim Menschen.

Als ich vor Kurzem das Aalto-Haus, das Studio Aalto und die Finlandia-Halle in Helsinki besucht habe, sind mir das warme Holz, das weiche Licht und die angenehmen Proportionen aufgefallen. Vor allem aber diese unglaubliche Ruhe, die viele der Gebäude ausstrahlen…

Während ich noch in Helsinki unterwegs war, erklärte das UNESCO-Welterbekomitee auf seiner 48. Sitzung in Busan die Arbeiten der Aaltos zum Weltkulturerbe. Ausgezeichnet wurden insgesamt dreizehn Bauwerke und Gebäudeensembles von Alvar, Aino und Elissa Aalto. Darunter befinden sich gleich mehrere Gebäude in Helsinki – unter anderem das Aalto-Haus, das Studio Aalto und die Finlandia-Halle, die ich gerade besucht hatte.

Es ist die erste finnische Architektur des 20. Jahrhunderts überhaupt, die in die Welterbeliste aufgenommen wurde. Ausgezeichnet werden dabei jedoch nicht nur herausragende Einzelbauten und das Werk der Aaltos als solches, die UNESCO würdigt vor allem den eigenständigen Beitrag zur Moderne. Also einen Humanismus, der Funktionalität, Natur, Materialität und die Bedürfnisse der Menschen miteinander verbindet. Genau darin liegt auch die eigentliche Bedeutung dieser Auszeichnung: Sie würdigt Architektur nicht in erster Linie als Stil, sondern als Haltung.

Vom Funktionalismus zum Humanismus

Wenn wir heute an die Architektur der Moderne denken, haben wir sehr schnell Bilder von weißen Würfeln, Stahl, Glas und sehr rationalen, funktionalen Grundrissen im Kopf. Und tatsächlich war die internationale Moderne der 1920er stark von der Vorstellung geprägt, dass gute Architektur vor allem effizient, funktional und technisch überzeugend sein müsse.

Auch die Aaltos haben sich für neue Materialien und moderne Bauweisen begeistert. Aber sie stellten darüber hinaus auch eine wichtige Frage, nämlich: Wie wirkt Architektur eigentlich auf den Menschen? Wie fällt Licht in einen Raum? Welche Oberfläche fühlt sich angenehm an? Wie klingt Wasser in einem Waschbecken? (Ja, das klingt wirklich unterschiedlich, man glaubt es kaum!) Welche Farbe sieht jemand, der stundenlang im Bett liegt? Wie schafft man Räume, in denen Menschen konzentriert arbeiten oder sich besser erholen können?

Heute erscheinen uns diese Fragen selbstverständlich(er). Damals waren sie seeeeeehr außergewöhnlich.

1940 formulierte Alvar Aalto seine Gedanken in dem Essay The Humanizing of Architecture. Darin kritisiert er genau diesen Funktionalismus, der den Menschen auf technische Abläufe reduziert. Architektur dürfte sich nicht allein an Konstruktion oder Wirtschaftlichkeit orientieren, sondern müsse ebenso biologische, psychologische und emotionale Bedürfnisse berücksichtigen. Technik allein mache noch keine gute Architektur, erst wenn sie dem Menschen diene, erfülle sie ihren eigentlichen Zweck.

Besonders eindrücklich zeigt sich diese Haltung im Paimio-Sanatorium, das Aino und Alvar Aalto zwischen 1929 und 1933 für Tuberkulosepatient:innen entwarfen. Fast jede gestalterische Entscheidung diente der Genesung. Beispielsweise orientierten sich die Patientenzimmer an Sonne und Landschaft, die Decken hatten ruhige Farbtöne, damit liegende Menschen nicht geblendet wurden. Selbst die Waschbecken wurden so geformt, dass das Wasser möglichst geräuschlos einlief und Zimmernachbarn nicht störte (ich habe es ja gesagt, das geht!).

Auch der berühmte Paimio Chair entstand in diesem Zusammenhang, aber ursprünglich eben nicht als Designklassiker, sondern als medizinisches Möbel. Seine nach hinten abkippende Sitzfläche sollte das nach hinten rutschen der sitzenden Person bewirken, die geneigte Rückenlehne sollte den Brustkorb öffnen und Tuberkulosekranken das Atmen erleichtern.

Kaum ein anderes Objekt macht deutlicher, worum es den Aaltos ging: Nicht die spektakuläre Form ist es, sondern die Frage, was Menschen brauchen! Funfact auch hier: in die Biegungen des Kopfteils sollte man die Arme stecken, um den Brustkorb zu öffnen und so mancher soll wohl darin oder in der Öffnung am Fußteil die Zeitung verstaut haben 😉

Drei Gebäude, eine Haltung

Theorie ist das eine, wirklich spannend wird es aber erst, wenn man ihr praktisch begegnet! Wie gesagt, hatte ich in Helsinki gleich mehrfach hierzu Gelegenheit. Das Aalto-Haus, das Studio Aalto und die Finlandia-Halle könnten unterschiedlicher kaum sein: ein Wohnhaus mit angeschlossenem Architekturbüro, ein eigens gebautes Atelier und schließlich ein nationales Kultur- und Kongresszentrum. Unterschiedliche Funktionen, unterschiedliche Maßstäbe und doch trotzdem begegnet uns überall dieselbe Haltung.

Das Aalto-Haus: Wohnen als Experiment

Als Alvar und Aino Aalto 1936 in ihr neues Haus im Helsinkier Stadtteil Munkkiniemi einzogen, war das nicht einfach nur ein Zuhause. Das Gebäude war zugleich Wohnhaus, Architekturbüro und Versuchslabor. Hier wurde gearbeitet, diskutiert, entworfen und gelebt. Ideen entstanden nicht nur am Reißbrett, sondern im Alltag.

Genau das spürt man tatsächlich bis heute! Nichts wirkt „überinszeniert“. Die klaren Formen der Moderne sind zwar da, aber sie werden von Backstein, Holz, Naturstein, Textilien, Pflanzen und den ganzen zusammengetragenen Dingen der Aaltos aufgefangen. Die Räume wirken nicht wie ein Manifest moderner Architektur, sondern wie ein Ort, an dem Menschen tatsächlich leben (bzw. gelebt haben, heute ist es ein Museum).

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Licht. Schon draußen als wir kurz im Garten gewartet haben, bis wir mit der Gruppe reingehen konnten haben sich die Bäume um das Gebäude herum wie eine natürliche Beschattung, ein Lichtfilter angefühlt. Und drin ging es genauso weiter: Die Fenster rahmen den Blick nach draußen, statt ihn irgendwie spektakulär zu inszenieren. Terrassen und Garten gehen beinahe selbstverständlich ineinander über. Architektur und Landschaft bilden keine Gegensätze, sondern gehören zusammen.

Alles passte irgendwie zusammen. Und war sehr persönlich gestaltet. Privat und trotzdem öffentlich. Vielleicht ist genau das gutes Design: Nicht das, was man ständig bemerkt, was uns „juckt“, sondern das, was ganz unauffällig einfach „da“ ist.

Das Studio Aalto – Ein Gebäude, das Kreativität ermöglicht

Knapp zehn Gehminuten entfernt steht das Studio Aalto. Als das Büro im Wohnhaus zu klein wurde, entstand hier 1955 ein neuer Arbeitsplatz für ein inzwischen international tätiges Architekturbüro. Aber: Wer hier ein spektakuläres Architekturstudio erwartet, erlebt eher das Gegenteil! Das Herzstück des Gebäudes bildet ein hoher Atelierraum, der gleichmäßig von Norden belichtet wird. Direktes Sonnenlicht hätte geblendet und harte Schatten erzeugt. Das weiche Nordlicht dagegen schafft ideale Bedingungen zum Zeichnen, Modellbauen und Diskutieren (es ist bei Künstler:innen über die Jahrhunderte hinweg das liebste Licht!).

Hier versteht man, was Alvar Aalto mit einer Architektur meinte, die vom Menschen aus gedacht ist. Der Raum soll nicht die Besuchenden beeindrucken, sondern den Arbeitsalltag erleichtern.

Licht, Raumhöhe, Blickbeziehungen und die Übergänge zu den Terrassen unterstützen ganz selbstverständlich die Tätigkeiten, für die das Gebäude gedacht ist. So wurde beispielsweise in den Arbeitsräumen ein Balkon eingebaut (innen im Raum), einzig und allein dafür, dass man die Entwürfe auf den Tischen auch aus einer anderen Perspektive, mit mehr Abstand betrachten konnte.

Heute würden wir vielleicht von einem gesunden Arbeitsplatz oder einer inspirierenden Arbeitsumgebung sprechen. Für Aalto war das einfach gute Architektur.

Die Finlandia-Halle – Menschlichkeit im großen Maßstab

Die Finlandia-Halle überrascht die meisten Besuchenden wahrscheinlich am meisten.

Von außen wirkt sie monumental! Der weiße Carrara-Marmor (das war keine clevere Entscheidung für das finnische Wetter!), die klaren geometrischen Formen und der markante Bühnenturm verleihen ihr eine Präsenz, die durchaus Respekt einflößt. Schließlich sollte sie ja Finnlands kulturelles Aushängeschild werden: Konzertsaal, Kongresszentrum und Ort internationaler Begegnungen.

Funfact (auch hier wieder): 1973 wurde die Finlandia-Halle zum Schauplatz eines der bedeutendsten diplomatischen Ereignisse des Kalten Krieges: Hier eröffnete die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) mit den Außenministern von 35 Staaten. Nach zweijährigen Verhandlungen in Genf kehrten die Staats- und Regierungschefs dann 1975 nach Helsinki zurück und unterzeichneten in der Finlandia-Halle die Helsinki-Schlussakte, einen Meilenstein der Entspannungspolitik zwischen Ost und West!

Zurück zum Gebäude: Das Innere überrascht! Statt überwältigender Monumentalität begegnen einem Räume, die trotz ihrer Größe erstaunlich menschlich wirken. Tageslicht dringt tief ins Gebäude, immer wieder öffnen sich Ausblicke auf die Töölönlahti, und Holzoberflächen und Teppiche nehmen dem kühlen Stein seine Strenge. Es gibt eine Eingangsbereich, der sich in mehrere Flure aufteilt, damit es nie so wirkt, als wären zu viele Menschen an einem Ort und auf der ersten Etage gibt es den sog. Marktplatz: einen Begegnungsort, ein Platz zum Sehen und Gesehen-werden. Hier zeigt sich nochmal deutlich, dass die Aaltos Architektur nie als einzelne Hülle verstanden haben. Sie entwarfen nicht nur Gebäude, sondern ganze Raumwelten, Gesamtkunstwerke – von den Leuchten über die Möbel bis zu den Türgriffen. Jedes Detail trägt dazu bei, wie wir einen Ort erleben.

Deshalb lässt sich ihre Architektur nicht von ihrem Design trennen.

Der Hocker Stool 60, die Leuchten von Artek, die berühmte Savoy-Vase oder die schlichten Gläser von Aino Aalto sind keine nachträglichen Ergänzungen. Sie gehören zur selben Idee. Architektur endet nicht an der Wand, sondern setzt sich im Möbel, im Licht und sogar in den Gegenständen fort, mit denen wir täglich leben.

Als Aino und Alvar Aalto 1935 gemeinsam mit Maire Gullichsen und Nils-Gustav Hahl die Firma Artek gründeten, formulierten sie genau diesen Anspruch. Der Name verbindet Art und Technology: Kunst und Technik. Gute Gestaltung sollte kein Luxus für Museen sein, sondern den Alltag verbessern.

Ob Wohnhaus, Architekturbüro, Konzertsaal oder Möbelstück alles kreist um dieselbe Frage: Wie lässt sich eine Umgebung gestalten, in der Menschen sich wohlfühlen?

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..