Museumsbesuch (oder Ausstellungsbesuch, muss ja nicht immer im Museum sein). Also, wir stehen vor einem Kunstwerk. Irgendeinem. Wir schauen. Gehen vor. Zurück. Hände in den Rücken. Vielleicht nochmal näher ran. Ist da irgendwo ein Schild? Ein Titel? Ein:e Künstler:in? Vielleicht gibt es irgendwo einen Text? Und überhaupt: Was soll das eigentlich alles? …ich verstehe das nicht… Muss man das Verstehen? Kann mir das jemand erklären?
Nein.
Kann keine:r erklären. Wirklich nicht. (Und das sage ich hier vollen Ernstes und nach einem – zwar schon eine Weile zurückliegenden, aber nichtsdestotrotz – Kunstgeschichtsstudiums. Warum sollte ich auch (oder irgendjemand anderes?). Ich weiß, dass ist nicht das, was man gern hören würde, aber trotzdem: ich kann keine Kunst erklären! Und gerade bei zeitgenössischer Kunst, bei abstrakter Kunst, bei Gemälden beispielsweise, wo „nichts“ zu sehen ist, da scheint dieses „ich verstehe das nicht“ schnell ein Thema zu sein. Frust auszulösen. (Und vielleicht sogar ein eine Trotzreaktion in Richtung „ist eh alles doof/nichts Besonderes/kann ich auch“.)
Krass aber: hab ich noch nie jemanden bei einem Musikstück sagen hören: „ach, was der/die da zusammenspielt, das krieg ich auch hin“. Einem Song, einem Musikstück können wir auch einfach mal zuhören, ohne die Komposition zu analysieren. Ah und ein Landschaftsgemälde schauen wir uns auch an, ohne an die geologische Entstehungsgeschichte der Landschaft zu kennen. Einfach nur Landschaft – schön. Kein: mmmh, jetzt wo ich das sehe, wie sind eigentlich diese Steinformationen entstanden. Und wie lange steht dieser Baum eigentlich dort?
Vor manchen Kunstwerken stehen wir aber trotzdem und versuchen ein Rätsel zu lösen, eine Bedeutung zu ergründen, DIE Idee zu finden, die die:der Künstler:in hatte, als er:sie dieses Werk gestaltet hat. Es zu übersetzen. Als wäre das unsere Aufgabe. Als müssten wir einen Weg zurückverfolgen und herausfinden, was damit gemeint ist oder war.
…ja, das ist ein bisschen übertrieben, aber mal ehrlich: ist doch häufig so! Und: es sagt viiiiiel darüber aus, was wir von Kunst erwarten. Wir erwarten (ich weiß nicht, warum), dass Kunst (immer) etwas (für uns) bedeutet. Dass wir diese Botschaft zumindest theoretisch entschlüsseln können und das das (na klar) mit mehr Wissen um so leichter gelingt.
Mehr Wissen = mehr Verständnis?
Spoiler: Nö.
Und ja, (die allermeisten) Museen/Ausstellungen unterstützen diese Vorstellung: Dinge werden für unseren Blick ausgewählt, inszeniert, beleuchtet und beschriftet. Das Kunstwerk wird zum Objekt und wir betrachten es. Klare Rollenverteilung.
Eigentlich.
Aber so einfach ist es eben dann doch wieder nicht.
Wenn das Kunstwerk nicht einfach ein fertiges Gegenüber ist
An einem Beispiel wird es vielleicht nochmal ein bisschen deutlicher und weil es gerade aktuell ist, nehmen wir doch die Ausstellung von Pierre Huyghe in der Fondation Beyeler in Riehen (noch bis 13.9.2026). Ich bin dort als Kunstvermittlerin mit Gruppen unterwegs, aber auch mit Einzelpersonen und finde, dass bei Huyghe diese Frage besonders interessant ist, weil sich sein Arbeiten dieser vertrauten Rollenverteilung (s.o.) immer wieder entziehen. (Hier kann man sich ein Bild von der Ausstellung verschaffen: https://youtu.be/SGipCBYoeUg?is=PIEAIXrcYTZPfEXl )
Huyghe, 1962 in Paris geboren, gehört zu den einflussreichsten Künstler:innen der Gegenwart. Er arbeitet in unterschiedlichen Medien wie Film, Performance, Architektur und zunehmend auch mit biologischen und technologischen Systemen – schon dieser kleine Ausschnitt zeigt, wie schwierig es ist, seine Arbeiten in die klassischen Kategorien der Kunstgeschichte einzusortieren. Es ist eben nicht einfach ein Bild, das an der Wand hängt, eine Skulptur oder eine Installation… Pierre Huyghe interessiert vielmehr, was passiert, wenn Kunst nicht als abgeschlossenes Werk, sondern als System gedacht wird.
Für diese Fragestellung schafft er quasi die Voraussetzungen, bringt unterschiedliche Elemente zusammen und lässt dadurch Prozesse entstehen, die von ihm nicht vollständig kontrolliert werden. Lebewesen, Licht, Temperatur, Wachstum, Verfall, Zufall… Nichts Abgeschlossenes, nichts Kontrollierbares, nicht ein Moment, in dem das Werk „fertig“ ist und von da an unverändert auf die Betrachtenden wartet. Es kann sich (weiter)entwickeln, verändern, auf seine Umwelt reagieren, in den Augen der Betrachtenden entstehen.
Oh, kurze Anmerkung an dieser Stelle bevor wir bei Huyghe weiterschauen: Was wir als Kunst wahrnehmen und erfahren, entsteht IMMER auch in der Begegnung mit den Betrachtenden. Nie stellt ein:e Künstler:in uns etwas vor die Nase, was nicht durch uns weitergesehen, weitergedacht wird. In diesem Sinne ist Kunst nie fertig. Schon alleine andere Zeitumstände, unser Blick, unsere Seherfahrungen, soziale Verhältnisse – you name it – verändern ein Kunstwerk und machen es zu etwas neuem. 20 Personen vor einem Gemälde von Paul Cezanne sehen 20 unterschiedliche Gemälde, weil jede dieser Personen unterschiedlich ist, unterschiedlich sieht, denkt, … ich denke, es wird klar, was ich meine. Also, daher: wenn ein Kunstwerk erschaffen wird, ist es für den- oder diejenige, die/der es erschafft erstmal fertig. (Meistens zumindest. Cezanne hat beispielsweise seine eigenen Werke immer wieder hervorgeholt und überarbeitet, für ihn waren sie nicht einfach irgendwann fertig, auch für ihn waren seine Werke ein Prozess.).
(Kleiner Einschub noch: Auch unsere Wahrnehmung eines Kunstwerks nicht absolut, nicht festgelegt, sondern eben auch veränderbar. Beispielsweise wenn wir ihm zu einem anderen Zeitpunkt, in einer anderen Stimmung, Licht, Umgebung, … nochmals begegnen.)
Zurück zu Huyghe: Bei seinen Werken und mit ihnen verändert sich auch die Rolle der:s Kunstschaffenden. Es gibt nicht eine oder einen, die:der eine Form erschafft und ihr eine Bedeutung einschreibt. Vielmehr setzt er Bedingungen, innerhalb derer etwas geschehen kann. Oder eben nicht. Was genau geschieht, muss nicht vollständig vorhersehbar sein.
Und genau hier wird es auch für uns als Betracher:innen interessant (s.o.).
Huyghe hat sein Verhältnis zum Ausstellen mal so beschrieben: „I don‘t want to exhibit something to someone anymore. I want to do the reverse: I want to exhibit someone to something.“ Er will also nicht mehr für jemanden etwas ausstellen, sondern die Situation umkehren und jemanden etwas aussetzen. Kleiner Wechsel in der Perspektive, der erstaunlich viel bewirkt!
Was heißt das im Klartext? Normalerweise ist im Museum klar, wer hier wen anschaut: Kunst da – auf der anderen Seite wir. Wir schauen, fotografieren, finden schön, langweilig, gehen schneller, langsamer, interpretieren und haben hin und wieder auch das Verlangen, anzufassen. Vor allem aber gehen wir selbstverständlich davon aus, dass sie für uns da ist. Dafür wird sie schließlich ausgestellt, damit wir sie anschauen. Oder?
Mit diesem Gedanken beispielsweise spielt Huyghe auch in der aktuellen Ausstellung in Riehen. Ist die Kunst für uns da? Und: was passierte eigentlich, wenn wir nicht da sind? Ist die Kunst dann noch da?
Was passiert, wenn wir nicht da sind?
Nochmal kurz zurück: vorhin haben wir ja festgehalten, dass das, was wir als Kunst wahrnehmen und erfahren, irgendwo zwischen dem Kunstwerk und uns entsteht. Egal bei welchem Kunstwerk. So weit so gut. Aber: was ist, wenn wir nicht da sind? Das Kunstwerk kein Gegenüber hat? Hier kommen wir nicht umhin uns kurz über Katzen zu unterhalten. Genauer gesagt eine Katze. Schrödingers Katze. Hierbei handelt es sich um ein Gedankenexperiment des österreichischen Physikers Erwin Schrödinger, das schon eine Weile zurückliegt (1935) und eigentlich erstmal mit Kunst nichts zu tun hat. Eigentlich geht es um Quantenmechanik. Schrödinger wollte mit einem Beispiel ein Problem daraus veranschaulichen (vereinfacht dargestellt): Man stelle sich vor, in einer geschlossenen Kiste sitzt eine Katze. (ja, ich weiß nicht besonders tierfreundlich, aber jetzt mal nicht ablenken) Ebenso befindet sich in der Kiste ein radioaktives Atom, dass mit 50%iger Wahrscheinlichkeit innerhalb einer Stunde zerfällt und einen Hammer betätigt, der eine Giftampulle zerschlägt. Dieses Gift würde die Katze töten.
Solange die Kiste zu ist, wissen wir nicht, ob das Atom zerfallen ist, die Katze in der Kiste lebt – oder eben nicht mehr. Es gibt also für einen Moment eine Überlagerung verschiedener Möglichkeiten: das Atom ist zerfallen und gleichzeitig nicht zerfallen (bis man es misst oder beobachtet), eine sog. Superposition. Da das Leben der Katze daran gekoppelt ist, bedeutet das auch, dass die Katze gleichzeitig lebendig und tot ist. Solange niemand schaut. Etwas absurd und natürlich in Wirklichkeit Quatsch, denn die Katze ist nicht gleichzeitig tot und lebendig, aber eben es ging Schrödinger um eine neue Theorie in der Quantenmechanik und er wollte aufzeigen, dass da noch ein Haken ist… Ist ihm wohl ganz gut gelungen.
Was mich daran wirklich interessiert, ist diese Vorstellung des unbeobachteten Zustands. Was passiert eigentlich mit Kunst, wenn niemand hinsieht? (Wahlweise auch hinhört oder hinfühlt.)
Bei Architektur, einem Gemälde, einer Skulptur ist die Lösung irgendwie ja ganz einfach: die sind einfach da. Nehmen wir an. Ein Museum macht nachts zu, die Besucher:innen gehen nach Hause und am nächsten kommen wieder welche und die Kunst ist, immer noch da. Haben sich nicht verändert (also diese konservatorischen Veränderungen lassen wir jetzt mal außen vor).
Bei Pierre Huyghe funktioniert diese „einfache Erklärung“ nicht mehr ganz so einfach. Seine Arbeiten (Ameisen, die aus Löchern krabbeln, technische Prozesse, die weiter laufen, Umweltbedingungen, die sich verändern, …) leben weiter, funktionieren, reagieren, wachsen, zerfallen, verändern sich… auch wenn niemand da ist, der sie dabei beobachtet, zuschaut, anschaut. Das Kunstwerk wartet ja nicht darauf, dass morgens jemand in den Raum kommt, um es anzuschauen, damit es wieder Kunst wird.
Und damit kommen wir zum nächsten Teil des Hirnverrenkers (ja so ein bisschen ist das so…):
Braucht Kunst uns bzw. unseren Blick
Oder natürlich wieder auch unser Hinhören, Fühlen, …
Wir sind es gewohnt, Kunstgeschichte aus unserer Perspektive zu sehen, zu erzählen. Wir schaffen Kunst, wir schauen sie an, wir bewahren sie (anderes Thema). Aber ohne uns macht Kunst irgendwie wenig Sinn. Oder anders: die Kunst erhält ihren Sinn, ihre Bedeutung ja erst durch uns. Und genau das führt uns Huyghe vor Augen (es lässt sich aber auch auf andere Kunstwerke von anderen Künstler:innen übertragen).
Spannend, oder?
Kommen wir aber jetzt aber auch endlich wieder zurück zu meiner Frage vom Anfang:
Müssen wir Kunst verstehen?
Spätestens an diesem Punkt müssen wir eigentlich diese Frage ersetzen durch: Was passiert hier eigentlich? Was reagiert worauf? Wie reagiere ich darauf? Welche Rolle spiele ich? Was nehme ich wahr (und was entzieht sich meiner Wahrnehmung?) Und eben vielleicht auch: Was passiert hier, wenn ich nicht da bin? Was ist passiert solange ich nicht da war?
Das könnte unsere Begegnung mit Kunst ganz schön verändern! Wir stehen nicht länger vor irgendwas und versuchen, eine Bedeutung zu erforschen, eine Erkenntnis zu entlocken,… Wir begegnen etwas, das vielleicht größer ist, als das Bisschen, der Ausschnitt, den wir gerade sehen. Etwas, das eben nicht (komplett) für uns gemacht ist (und auch nicht sein muss) und das wir auch nicht vollständig erfassen (können). Ist doch ganz cool, oder? Dann muss vielleicht auch nicht jede Begegnung mit Kunst mit einer Erkenntnis enden. Nicht mit einem „aha, jetzt hab ich’s verstanden!“. Irgendwie befreiend!
Ich habe aber noch ein „aber“: vielleicht führt das auch dazu, dass wir ein Kunstwerk sehen/hören/fühlen/wahrnehmen und hinterher mehr Fragen haben als vorher…


![KunstGeschichte[n]: Der Grand Palais in Paris](https://nicoleklemens.blog/wp-content/uploads/2026/08/img_1133.jpg?w=1024)




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