Wann ist etwas eigentlich fertig?
Schnell noch ein Wort austauschen. Oh, halt, der Absatz muss weiter nach oben. …welches Bild könnte denn wohl passen? Und diesen Satz, den könnte man doch eigentlich…
Wer schon mal einen Text geschrieben, einen Vortrag vorbereitet, ein Bild gemalt, eine Wohnung eingerichtet hat, kennt diesen Moment nur zu gut: eigentlich ist alles, aber trotzdem lässt sich vielleicht noch was verändern, könnte hier noch was ergänzt und da etwas weggelassen werden. Ob es dadurch besser werden würde, ist natürlich eine andere Frage, aber tatsächlich ist da das Gefühl, das wir uns nicht festlegen müssen, solange wir noch daran arbeiten.
Aber: wann sind wir eigentlich fertig? Gibt es dann den einen „magic moment“? Oder hören wir irgendwann einfach auf?
Wenn wir vor einem Kunstwerk stehen, scheint das ja irgendwie klar. Es hängt im Museum, es hat einen Rahmen, daneben stehen Name, Titel, Jahreszahl… Jemand hat also entschieden, jupp, das kann so gezeigt werden. Wir (als Betrachtende) stehen als vor etwas Abgeschlossenem. Oder? Vielleicht hat die:der Künstler:in das ja anders gesehen…
Bei Paul Cézanne zum Beispiel, da blieben immer wieder Stellen der Leinwand unbemalt, Konturen waren nicht ausgemalt, zwischen den Farbflächen blitzt die Grundierung durch. Und er selbst hat seine eigenen Werke immer wieder hervorgeholt und sie überarbeitet. Weitergemalt. …und übrigens nicht signiert… Das ließ einerseits den Raum, immer wieder noch einmal daran zu arbeiten, auf der anderen Seite lässt es bis heute Raum für Spekulationen. Fertig? Oder doch nicht? Eine Unsicherheit, die Cézanne bewusst im Raum stehen lässt (na ja gut, eher auf der Leinwand…). Und eigentlich eine Chance für uns, das Bild selber „fertig zu sehen“, unseren Blick das verbinden zu lassen, was durch die Pinselstriche nicht verbunden ist. Und das Werk trotzdem als „fertig“ anzusehen. Als gelungen. (Obwohl sein:e Urheber:in das vielleicht nicht so gesehen hat.)
Bei Auguste Rodins „Schreitendem Mann“ (um 1900; Staatl. Kunsthalle Karlsruhe) ist es ein bisschen anders. Die Figur hat einfach keinen Kopf und keine Arme. Ein Oberkörper ist da, der sich leicht nach vorne neigt, die Beine schreiten weit aus. Wir sehen einen Körper im Gehen und sehen gleichzeitig, was fehlt.
Rodin hat diese Figur aus älteren Studien für seinen „Johannes der Täufer“ zusammengesetzt, hat einen Torso und ein paar Beine genutzt. Die Verbindung zwischen den beiden hat er sichtbar gelassen, die Gestalt später vergrößert und in Bronze gießen lassen. So erhielten die eigentlichen Fragmente eine eigene, größere Form.
Würden Kopf und Arme diese Figur vervollständigen? Klar, aus anatomischer Sicht sicher? Künstlerisch würde etwas komplett anderes entstehen. Eine neue Plastik. Würde sie uns mehr erzählen? Wahrscheinlich nicht. Eher etwas anderes…
Vielleicht sind unsere Vorstellungen von „fertig“ stärker von unseren Gewohnheiten geprägt als wir denken. Eine Figur hat einen Kopf. Eine Leinwand wird mit Farbe bedeckt (komplett). Eine Form ausgemalt. Ein Gedanke in einem Text zu Ende geführt. Solche Erwartungen helfen uns, uns zu orientieren. Sie können aber auch dazu führen, dass wir irgendwo was ergänzen wollen, was schon längst seine eigene Form gefunden hat.
Perfekt. Fertig. Gelungen.
Allein diese Worte liegen ja so nahe beieinander, sind aber so verschieden.
Perfekt wäre etwas, an dem sich laut einem bestimmten Ideal nichts mehr verbessern lässt. Schwupp, schon haben wir das erste Problem: Welches Ideal denn? Wer legt das fest? Was beinhaltet es? Und was eben nicht? Was ist die makellose Oberfläche, die genaue Wiedergabe, die größtmögliche Klarheit?
Fertig bezeichnet eine Entscheidung, einen Abschluss. Der Abgabetermin ist da, das Budget aufgebraucht, der Auftrag erfüllt. (Nicht immer befriedigend, dieses „fertig“.)
Gelungen ist ein Urteil. Etwas überzeugt uns, erfüllt seinen Zweck, zeigt uns was, mit dem wir nicht gerechnet haben. Das kann individuell etwas sehr Unterschiedliches sein. Und es kann auch da passieren, wo vielleicht die Spuren der Arbeit noch sichtbar sind.
Oh ja, klar, nicht alles ist gleich bedeutungsvoll, nicht jede Lücke ein Geheimnis, eine unsaubere Ausführung nicht automatisch Ausdruck von irgendwas. Vielleicht macht Sorgfalt den Unterschied. Wer etwas überarbeitet, kann präziser werden, Zusammenhänge entdecken, Überflüssiges löschen.
Einen anderen Blick auf solche Maßstäbe zeigt uns die japanische Ästhetik des „Wabi-Sabi“. Das perfekte Unperfekte. Die Wertschätzung des Schlichten und Unregelmäßigen in Verbindung mit dem einer Aufmerksamkeit für die Vergänglichkeit und die Spuren der Zeit. …da muss eine handgeformte Teeschale nicht vollkommen symmetrisch sein, um wertvoll, kostbar zu sein. Gerade die Unregelmäßigkeit, der Verlauf der Glasur, die Oberfläche kann das sein, was uns dazu bringt, sie genauer anzuschauen, sie in die Hand zu nehmen. Auch Gebrauchsspuren können zu dieser besonderen „Schönheit“ beitragen. Der Gegenstand verändert sich mit der Zeit und diese Veränderung darf sichtbar sein. Und bleiben.
Das heißt nicht, dass man die Sorgfalt aus den Augen verliert, schludrig arbeitet – im Gegenteil: handwerkliches Können und die Aufmerksamkeit, die diesem Objekt gewidmet wird, steht an oberster Stelle. Wabi-Sabi stellt vielmehr unsere Vorstellung von Schönheit infrage.
Für unsere Frage nach dem Fertigwerden ist das ein interessanter Gedanke: Vielleicht gehört ja das, was wir selber noch anders machen würden, schon zum Besonderen einer Sache.
Gar nicht so leicht und eine Regel lässt sich leider auch nicht irgendwie ableiten. Also so was wie: nach dieser Überarbeitung ist es besser oder: wenn du das machst, wird es schlechter.
Beim Schreiben kann dann ein Text seine Besonderheit verlieren, ein Vortrag zu dicht werden, ein Entwurf langweilig,… Deshalb schreibe ich das hier auch alles selbst und am liebsten „in einem Rutsch“. Korrekturen oder Einfügungen fallen mir schwer, dann stimmt das ganze Ding nicht mehr (ok, die Rechtschreibprüfung, die läuft ja quasi automatisch mit – trotzdem bleibt manchmal ein Fehler zurück…). Aber Aufhören fällt mir oft schwer. Dann kommt noch dieser Gedanke und ach, das könnte man auch noch einfügen und so.
Digitale Werkzeuge vergrößern da den Spielraum. Mit KI würden die Einfügungen vielleicht runder werden, Varianten wären einfacher zu testen. Aber: dann wird auch die Auswahl größer und die Entscheidung, was „fertig“ ist, bleibt ja trotzdem. Mehr Möglichkeiten machen ja noch nicht den Punkt, bestimmen nicht, das Genug.
Vielleicht hilft es hier ja, die Frage ein bisschen zu verändern. Vielleicht sollten wir nicht nachdenke, was sich verändern ließe, sondern eher, was durch die Veränderung für ein Gewinn entstehen könnte. Würde ein Gedanke klarer? Oder würde es vor allem anders?
Wenn Cézanne noch mehr ergänzt hätte, Rodin seiner kopflosen Figur einen Kopf gegeben hätte, würde unser Blick genauso daran hängen bleiben? Würde es uns „mehr“ geben? (Ja klar, können wir nicht überprüfen, aber nur mal so als Gedankenspiel.) Und regt nicht gerade das Offene zu eigenen Gedanken an? Sind es nicht gerade die Lücken, die reizvoll sind?
…der Text hier könnte einen anderen Schluss bekommen. Ich lass das jetzt aber mal so und wünsche viel Spaß beim „Lücken füllen“!
ah… Rechtschreibprüfung vielleicht doch noch schnell. Schluss. Genug jetzt!







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